Befreundet mit sich selbst

Die Schriftstellerin Christa Wolf beschreibt in ihrem Buch »Ein Tag im Jahr« die Wirkung von Feldenkrais-Stunden sehr treffend mit einem Gefühl des Befreundet Seins und des Einverständnisses mit sich selbst.

 Im Alltag achten wir meist kaum auf die subtileren Empfindungen und Rückmeldungen unseres Körpers. Im Gegenteil — derlei Befindlichkeiten sind uns hinderlich oder gar ein Ärgernis und wir unterdrücken oder ignorieren sie. Der Körper ist uns meist nicht mehr als ein notwendiges Werkzeug, das uns zu Diensten sein soll. Wir sind uns selbst gegenüber oft viel strenger und fordernder, als wir es gegenüber einem Freund jemals sein würden.

Bundesarchiv Bild 183-1989-1027-300, Christa Wolf

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Bei Feldenkrais geht es um einen anderen Umgang mit sich selbst. Anhand von präzisen, spielerisch durchgeführten Experimenten studieren die Teilnehmenden ihre persönliche Bewegungsroutine und lernen schrittweise neue Bewegungsqualitäten kennen. Dabei steht die Suche nach einem angemessenen Kraftgebrauch und die Entdeckung von mehr Leichtigkeit, Geschmeidigkeit sowie erstaunlicher Feinheiten bei jeder noch so einfachen körperlichen Handlung im Vordergrund.

„Was mich an Feldenkrais‘ Art, den Menschen zu sehen, besonders fesselt, ist sein Ansatz. Nicht Ratio oder Willensstärke, nicht Gewalt in irgendeinem noch so weit gefassten Sinn, auch nicht »Selbstbeherrschung« hält er für den Schlüssel zur Heilung der grundlegenden Schäden, an denen der moderne Mensch krankt, sondern ein Umlernen des falsch Gelernten, Angewöhnten und Eingetrimmten, das bei Körperhaltungen und -bewegungen anfängt und beim rein einseitigen Vernunftdenken (noch nicht) aufhört.“ (Christa Wolf, »Ein Tag im Jahr«)

Feldenkrais als Burn-out Prävention

Nicht erst, seit der Fußballtrainer Ralf Rangnick zurückgetreten ist, der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Björn Engholm als Anti-Burn-out-Berater tätig wurde oder der Spiegel seine Titelstory dem Thema widmete, ist Burn-out in aller Munde. Manche argwöhnen bereits, es handle sich um eine reine Modeerscheinung, aber die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen vom Druck, der Komplexität und der schieren Menge der täglichen Anforderungen überfordert fühlen, lässt sich nicht einfach wegdiskutieren. Auch ich spüre die Belastungen eines anspruchsvollen Alltags mit den unterschiedlichsten Aufgaben in Familie und selbständiger Tätigkeit ständig. Es kann eine große Herausforderung sein, sich selbst genügend Erholungs- und Mußezeit zu verschaffen und wirksame Maßnahmen zum Ausgleich zu ergreifen. Aber Burn-out ist mehr als Stress und Überforderung, es ist das Resultat eines langen Prozesses der Erschöpfung und Desillusionierung bis hin zu einem Gefühl totaler Sinnlosigkeit.

Ich bin dankbar und glücklich, die Feldenkrais-Methode zu kennen und mit ihr über ein wirksames Werkzeug zu verfügen, das mir nicht nur hilft, mich zu erholen und auf meine Herausforderungen besser einzustellen, sondern das auch eine Quelle vieler sinnlicher (und damit sinn-stiftender) Erfahrungen ist. Ein Mangel an Sinnlichkeit durch die enorme Technisierung des Alltags, wird häufig als Grund für die extreme Zunahme des Burn-out-Syndroms in unserer Gesellschaft genannt. Mit Hilfe der Feldenkrais-Übungen „Bewusstheit durch Bewegung“ erlebe ich mich selbst auf sehr einfache, ursprüngliche Weise. Eine Feldenkrais-Stunde gibt mir einen freien Raum, in dem nichts anderes als meine Erfahrung des Augenblicks zählt. Ich bin im Kontakt mit meiner Innenwelt, mit meinen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen. Dadurch kann ich früher und genauer erkennen, wann und wie ich meine Grenzen überschreite, auf subtile Weise meine Überzeugungen verletze oder gegen meinen Willen handle. Zugleich gibt mir die Methode Mittel an die Hand, um einem drohenden Zusammenbruch frühzeitig entgegenzuwirken und mich sowohl körperlich als auch emotional und geistig für meine Aufgaben besser zu organisieren. Das heißt nicht, dass ich mich immer in perfekter Balance befände aber ich kann sie viel schneller als früher wieder erlangen.

Ich glaube, dass die Feldenkrais-Methode für mich eine ideale Burn-out Prävention ist und neben Musik, Wald-Spaziergängen mit meiner Tochter und noch ein paar anderen Dingen viel dazu beiträgt, mich vor dem Ausbrennen zu bewahren…