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Leichtigkeit oder die Kunst, Kraft intelligent einzusetzen

Wenn wir irgendeine Fähigkeit verbessern wollen, wenden wir zunächst meistens reflexartig mehr Kraft an. Wir strengen uns an, beißen die Zähne zusammen, versuchen durch mehr physische Leistung ein besseres Resultat zu erzwingen oder es uns zu „verdienen“. In den meisten Fällen wäre es aber vor allem erforderlich, genauer zu verstehen, wie wir die Handlung ausführen, um eine effektivere Koordination zu finden.

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Wenn wir beispielsweise beim Tennisspiel versuchen einen besseren Aufschlag zu erreichen, wird es nicht genügen einfach fester draufzuhauen. Der gesamte Bewegungsablauf muss anders koordiniert werden, um alle beteiligten Handlungselemente optimaler aufeinander abzustimmen. Das kann nur gelingen, wenn wir zunächst die Kraft reduzieren und auf die Zusammenhänge in uns selbst horchen, während wir uns bewegen. Schließlich können wir auf diese Weise sogar mehr Kraft generieren weil sie wirkungsvoller durch den Arm geleitet wird, wenn wir uns insgesamt besser organisieren.

Moshé Feldenkrais bezog sich häufig auf das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz, welches besagt, dass die Stärke von Sinneseindrücken logarithmisch zur Intensität des physikalischen Reizes verläuft – einfacher ausgedrückt: Je weniger Kraft wir benutzen, desto mehr können wir wahrnehmen. Durch die Wahrnehmung von Unterschieden erzeugt das Gehirn neue Informationen, die es für die Steuerung des Organismus braucht. Die moderne Hirnforschung bestätigt Feldenkrais Annahme, dass die Fähigkeit, immer feinere Differenzierungen vornehmen zu können, uns Menschen nahezu unendlich lern- und entwicklungsfähig macht. Auch unsere Vitalität scheint aufs intimste mit der Fähigkeit des Gehirns verknüpft zu sein, subtile Unterschiede bemerken zu können.

Scheinbar paradoxer Weise, ist die Wahrnehmung feinster Unterschiede gerade bei besonders spektakulären Aktivitäten, wie beispielsweise Hochgebirgsklettern, Autorennen fahren oder Kampfkunst sogar überlebenswichtig, da gegebenenfalls winzige Veränderungen in der Umgebung eine sofortige Reaktion erfordern. Hier taucht ein interessanter Zusammenhang auf: Ein häufig übersehener Faktor der »Krieger-Mentalität« in den fernöstlichen Kampfkünsten ist die Eleganz! Eleganz hat mit Leichtigkeit zu tun und kommt von der Fähigkeit, während des Handelns zu fühlen, was in und um einen herum geschieht, um unmittelbar auf Veränderungen reagieren zu können. Dies lässt sich bei guten Kampfkünstlern ebenso wie bei herausragenden Sportlerinnen, Schauspielern, Tänzerinnen oder sonstigen Meistern ihres Faches beobachten. Das Gegenteil davon ist exzessiver Kraftgebrauch, den viele für nötig halten, um etwas zu erreichen oder besonderen Eindruck zu hinterlassen. Aber nur wer seinen Krafteinsatz souverän beherrscht, kann ganz präsent und reaktionsfähig sein und einen wirklich starken Eindruck hinterlassen. Voraussetzung dafür ist Leichtigkeit – eine Kunst, die lebenslanger Praxis bedarf.

Wenn du Lust hast, probiere folgendes aus:

  • Reduziere bei einer beliebigen Alltagstätigkeit oder beim Training einer Sportart die Kraft um 90% ! – Nimm wahr, was übrig bleibt! Bewegst du dich noch? Wie fühlt es sich an? Welche Wahrnehmungen über die Qualität und die Koordination deiner Bewegung tauchen auf? Setz dann wieder etwas mehr Kraft ein. Spiele mit unterschiedlichem Krafteinsatz. Entdeckst du vielleicht Gewohnheiten, die mit übermäßigem Kraftaufwand zu tun haben? Erforsche auf diese Weise viele verschiedene Handlungen und finde heraus, welcher Kraftgebrauch der Sache am besten entspricht.
  • Was passiert, wenn du die Absicht hast, eine Handlung ganz elegant auszuführen? Was für ein Körpergefühl stellt sich ein? Wie setzt du deine Kraft ein? Probiere dann auch das Gegenteil aus, führe die gleiche Handlung ungelenk und steif aus. Kehre wieder zurück zur eleganten Variante. Erforsche diese Vorgehensweise anhand verschiedener Tätigkeiten wie Staubsaugen, den Tisch decken oder Einkäufe im Regal verstauen etc.

Wenn du etwas über weitere Feldenkrais Arbeitsprinzipien der Feldenkrais-Methode lesen möchtest, klicke hier oder geh in der Kategoriewolke auf Arbeitsprinzipien.

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Die Kunst natürlicher Bewegung

 

Natürliche Bewegung ist eine wichtige Basis für Gesundheit und Zufriedenheit. Sie fühlt sich sowohl sicher und mühelos als auch leicht und elegant an. Um die eigene natürliche Beweglichkeit wiederzuentdecken, benötigen wir einen autonomen Lernprozess in einem offenen und sicheren Rahmen. Die Feldenkrais-Stunden »Bewusstheit durch Bewegung« bieten genau das.

Bewusstheit durch Bewegung, Feldenkrais Gruppenunterricht

Feldenkrais Gruppenunterricht

Gesunde, natürliche Bewegung entsteht, wenn man über seine Kraft so verfügt, dass man sie entsprechend der Absicht und den zur Verfügung stehenden Mitteln einsetzt, ohne dabei parasitäre (also überflüssige, der Handlungsabsicht entgegen laufende) Bewegungen auszuführen.

Merkmale wirksamer Handlung:

  • Mühelosigkeit: Wirksame, natürliche Bewegungen fühlen sich – unabhängig vom tatsächlichen Energieaufwand – mühelos an, weil keine parasitären Muskelspannungen an ihr beteiligt sind. Das Gefühl von Mühe und Anstrengung entsteht dadurch, dass noch andere Handlungen als nur die Beabsichtigten ausgeführt werden.
  • Widerstandslosigkeit: Bei jeder gut organisierten Handlung wird von den Beckengelenken her Kraft durch die Wirbelsäule zum Kopf geleitet. Die Kontraktionen entlang der Wirbelsäule sind gerade groß genug, um sie in der Stellung zu halten, die  für die Kraftübertragung am besten ist. Es findet keine Kontraktion der Kopf- und Hals-muskulatur statt – es sei denn, gerade dies wäre die Absicht. Die Empfindung von Widerstand entsteht dadurch, dass die Glieder, der Brustkorb, die Schultern oder irgendein anderer Körperteil dazu gezwungen werden, die Arbeit der Becken- und Unterleibsmuskeln zu übernehmen.
  • Umkehrbarkeit: Wenn eine entworfene oder beabsichtigte Handlung begonnen oder unterlassen und in jedem Augenblick an jedem Punkt ihrer Bahn angehalten, umgekehrt, fortgesetzt oder durch eine andere Handlung ersetzt werden. Umkehrbarkeit lässt sich als Prüfstein und Maßstab fast jeder menschlicher Tätigkeit anwenden.
  • Atmung: Ruhige spontane Atmung bis in den Bauch oder bewusst zur Bewegung koordinierte Atmung.
  • Gefüllter Unterbauch: Der Unterleib bleibt frei und fühlt sich angenehm gefüllt an. Der Bauch ist weder angespannt noch hart oder eingezogen.

Der Ablauf sollte sich spielend leicht, anmutig und angenehm anfühlen und von außen als eine einfache, fließende Bewegung wahrzunehmen sein. Moshé Feldenkrais schreibt in seinem Buch »Das starke Selbst«: „Lernen Sie, mit diesem Zustand als Maßstab und Richtlinie aufzustehen, sich aufzurichten, zu stehen, zu sprechen, zu essen, zu lieben, zu arbeiten, aufs Klo zu gehen, zu denken!“

Die häufigsten Gründe, die dazu führen, dass wir uns nicht natürlich und wirksam bewegen, stammen aus unserer komplexen Beziehung zur Umwelt. Wenn wir zu sehr unter Druck stehen, Angst haben oder gestresst sind, wenn heftige Gefühle oder große Erregung sich im gesamten Nervensystem und in der Muskulatur verbreiten, wird die Feinsteuerung unmöglich gemacht. In solch einem Zustand handeln wir unter innerem Zwang und können keine alternativen Handlungsmöglichkeiten erkennen. Bei häufiger Wiederholung können allmählich ungünstige Bewegungsgewohnheiten entstehen, die den gesamten Organismus beeinträchtigen. Um zu natürlicher, gesunder Bewegung zurückzukehren, müssen wir unsere Gewohnheiten in Frage stellen und überholen!

Anzeichen für einen unzweckmäßigen Selbstgebrauch:

  • Atem anhalten
  • sich steif machen
  • einzelne Körpersegmente fest in einer Stellung fixieren
  • übermäßig Kraft aufwenden
  • zur Handlungsabsicht  gegenläufige (parasitäre) Kräfte

Nur ideale Menschen würden keine solchen unnützen Gewohnheiten entwickeln – ideale Menschen gibt es jedoch bekanntlich nicht. Wir können immer lernen, die Qualität dessen, was wir tun, zu verbessern, unabhängig davon, wie alt wir sind, unter welchen Bedingungen wir leben und welche persönliche Geschichte uns prägt. Was wir dafür benötigen, ist ein organischer Lernprozess bei dem wir Handlungen und Situationen von unbewussten Gefühlen, Spannungen und Anstrengungen befreien und zulassen, dass die Selbstorganisationsfähigkeit des Nervensystems neue, angemessenere Bewegungs- und Haltungsmuster erzeugt.

 

Befreundet mit sich selbst

Die Schriftstellerin Christa Wolf beschreibt in ihrem Buch »Ein Tag im Jahr« die Wirkung von Feldenkrais-Stunden sehr treffend mit einem Gefühl des Befreundet Seins und des Einverständnisses mit sich selbst.

 Im Alltag achten wir meist kaum auf die subtileren Empfindungen und Rückmeldungen unseres Körpers. Im Gegenteil — derlei Befindlichkeiten sind uns hinderlich oder gar ein Ärgernis und wir unterdrücken oder ignorieren sie. Der Körper ist uns meist nicht mehr als ein notwendiges Werkzeug, das uns zu Diensten sein soll. Wir sind uns selbst gegenüber oft viel strenger und fordernder, als wir es gegenüber einem Freund jemals sein würden.

Bundesarchiv Bild 183-1989-1027-300, Christa Wolf

Image via Wikipedia

Bei Feldenkrais geht es um einen anderen Umgang mit sich selbst. Anhand von präzisen, spielerisch durchgeführten Experimenten studieren die Teilnehmenden ihre persönliche Bewegungsroutine und lernen schrittweise neue Bewegungsqualitäten kennen. Dabei steht die Suche nach einem angemessenen Kraftgebrauch und die Entdeckung von mehr Leichtigkeit, Geschmeidigkeit sowie erstaunlicher Feinheiten bei jeder noch so einfachen körperlichen Handlung im Vordergrund.

„Was mich an Feldenkrais‘ Art, den Menschen zu sehen, besonders fesselt, ist sein Ansatz. Nicht Ratio oder Willensstärke, nicht Gewalt in irgendeinem noch so weit gefassten Sinn, auch nicht »Selbstbeherrschung« hält er für den Schlüssel zur Heilung der grundlegenden Schäden, an denen der moderne Mensch krankt, sondern ein Umlernen des falsch Gelernten, Angewöhnten und Eingetrimmten, das bei Körperhaltungen und -bewegungen anfängt und beim rein einseitigen Vernunftdenken (noch nicht) aufhört.“ (Christa Wolf, »Ein Tag im Jahr«)