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Intelligenter Krafteinsatz aus der Körpermitte

Anläßlich des Workshops »Kraft aus der Mitte« am 24. Juni 2017, habe ich einen älteren Artikel zum selben Thema überarbeitet. Es ist so zentral für die Feldenkrais-Methode, dass sich die Beschäftigung damit immer wieder lohnt!

„Die Beckengegend ist der Grundstein aller Bewegung und somit Grundlage des Lebens (…). Sie muss frei sein von Zwang und Starre, frei, sich buchstäblich nach allen Richtungen zu bewegen. (…) Sie ist es, die den Körper in jeder Handlung gleichsam abbildet.“ – (Moshé Feldenkrais, Das Starke Selbst, Suhrkamp 1992, S. 266/267).

Moshé Feldenkrais war nicht nur Ingenieur und Wissenschaftler, er war auch dreißig Jahre seines Lebens ein passionierter Kampfkünstler (Jiu-Jitsu und Judo). Seine eigene Methode ist von den Prinzipien und der Weisheit fernöstlicher Bewegungskunst inspiriert und durchdrungen. Sehr knapp zusammengefasst kann man sagen, dass Judo ein Destillat von Jahrtausende altem Erfahrungswissen darüber ist, wie sich Menschen unter schwierigsten Bedingungen optimal bewegen können.

Als Ingenieur war es für Feldenkrais leicht zu erkennen, wie im Judo während eines Bewegungsablaufs die Prinzipien der Mechanik auf den menschlichen Körper wirken. Dabei spielen zwei Hauptideen eine wichtige Rolle: Die Kraftübertragung durch das Skelett und die Bedeutung der Körpermitte.

Bei der Idee, dass sich Kraft durch das Skelett fortbewegt, fungieren die Knochen sozusagen als Eisenbahnschienen, über welche die Kraft durch den Körper reisen kann. Jedes Mal, wenn man sich bewegt, generiert man Kräfte, die durch Knochen und Gelenke hindurch geleitet werden. Selbst wenn man sich nicht bewegt, drückt die Schwerkraft durch das Skelett hinunter in den Boden – und wenn sich die Knochen in der richtigen Stellung befinden, stößt es einen zurück nach oben. Diese Art der Kraftübertragung funktioniert auch, wenn man eine Tür öffnet, seine Schuhe auszieht oder einen Kinderwagen schiebt.

Die Körpermitte ist aus biomechanischer Sicht jene Region, welche die größte
Knochenmasse aufweist: Das Becken. Es bildet das Gravitationszentrum des Körpers. Wenn dieser Bereich sich bewegt, muss alles andere folgen. Umgekehrt ist es für die anderen Körperteile schwer, diese große Struktur in Bewegung zu setzen. Als Bild kann man sich eine  eine mittelalterliche Fußschelle vorstellen, die aus einer Eisenkugel bestand, an der eine Kette befestigt war. Es ist offensichtlich, dass man an der Kette herumrütteln kann, ohne dass die Kugel sich groß bewegt. Wenn man allerdings die Kugel bewegt, muss sich auch die Kette bewegen! Übertragen auf den Körper entspricht die Kugel dem Becken und die Kette der Wirbelsäule.

Auch die größten Muskeln sind um das Becken herum gruppiert. Hier bietet sich das Bild eines Seesterns an: in der Mitte groß, an den Enden klein. Ebenso verhält es sich mit der Muskulatur: die kleinsten Muskeln sind an der Peripherie, die größten in der Mitte. Wenn wir uns effizient bewegen wollen, müssen die größten und stärksten Muskeln die größte Arbeit vollbringen. Die kleinen Muskeln hingegen sind dazu da, die Bewegung zu leiten und zu lenken, nicht sie zu erzeugen.

Ein anderer Aspekt der Körpermitte ist die Idee eines energetischen Zentrums, welche ebenfalls aus den fernöstlichen Bewegungskünsten stammt. Dieses Zentrum befindet sich in der Region des Unterbauches, etwa drei Fingerbreit unterhalb des Bauchnabels. Es gilt als Sitz der Lebensenergie – des Qi (Chin.) oder Ki (jap.). Diese Region spielt in vielen Kulturen eine zentrale Rolle und ist unter verschiedenen Namen bekannt: Auf Japanisch heißt sie Hara oder Tanden, in der Chinesischen Medizin handelt es sich um das untere Dantian und im indischen Yoga entspricht sie in etwa dem Sakralchakra, dem zweiten der sieben Hauptchakren.

Moshé Feldenkrais ging als westlich geprägter Wissenschaftler sehr vorsichtig mit dem Begriff der Energie um. Er geht auf diesen zweiten Aspekt der Körpermitte nur indirekt ein. So gibt er in einigen seiner Stunden die Anweisung, alles mit der Vorstellung zu tun, das ganze Selbst sei im Bereich des unteren Bauches lokalisiert oder der Impuls zu jeglicher Handlung solle von dort ausgehen. Ihm ging es um eine potentielle Handlungsbereitschaft und Präsenz in der Region des unteren Bauches, die – wenn sie erreicht wird – ganz automatisch einen vitalen Fluss der Lebenskräfte gewährleistet. In seinem Buch „Das starke Selbst“ schreibt er:

Der untere Unterleib muss frei von absichtlichen Spannungen sein. Er ist gefüllt, gleichsam annähernd prall, d.h. man glaubt förmlich sehen zu können, wie das Gewicht der Eingeweide gegen die Bauchwand wiegt. – (Moshé Feldenkrais, Das Starke Selbst, Suhrkamp 1992, S. 249)

Als Metapher für dieses Gefühl des Gefülltseins im unteren Bauch kann man sich den Bauch eines zentriert und gelassen dasitzenden Buddhas vorstellen, dessen Schwerpunkt tief im Becken liegt und der nicht mehr physische Kraft aufwendet, als unbedingt nötig ist.

Experiment #1: Leg dich auf den Rücken, stelle deine Beine auf und leg deine Hände entspannt auf den unteren Bauch. Huste mehrmals! Beobachte, was der untere Unterleib macht. Kannst du diese Bewegung auch ohne zu husten erzeugen? Aber Achtung: Mach es mit größtmöglicher Leichtigkeit und Sanftheit. Es ist keine Kraftübung!

Experiment #2: Heb die Arme mit der Vorstellung, du würdest eine Axt zum Holzhacken benutzen. Du schwingst die imaginäre Axt über den Kopf und dann beobachte genau den Moment, in dem du die Bewegungsrichtung umkehrst, um die imaginäre Axt nach vorne und unten zu schmettern. Was machst du mit dem Unterbauch?

Zusammenfassung:

Das Becken sollte das Rückgrat tragen und der Kopf oben balancieren, wie der Teller auf dem Ende des Bambusstabes eines chinesischen Jongleurs. Alle anderen Körperteile hängen an der Wirbelsäule! Das Becken trägt das Ganze. Wirksames Handeln ist nur möglich, wenn sich das Becken in all seinen Gelenken frei bewegen kann und der Unterleib frei von überflüssiger Spannung ist. Sobald eine der möglichen Beckenbewegungen eingeschränkt wird, wird der Fluss der Handlungen unterbrochen und es bedarf großer Anstrengung im Schultergürtel, im Nacken oder in den Beinen, um das zu tun, was bei ungehindertem Becken leicht ausgeführt werden könnte.

Wer Lust hat, diese Einsichten praktisch zu erleben und anzuwenden, hat dazu am 24. Juni 2017 Gelegenheit, anlässlich des Tagesseminars „Kraft aus der Mitte“ im Bewegungsatelier, Leipzig.

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Gleichgewicht ist eine Aktivität

Wenn es uns leicht fällt, in vielen verschiedenen Positionen und Umgebungen im Gleichgewicht zu bleiben, gewinnen wir große Bewegungsfreiheit. Wir fühlen uns sicher und frei, wagen uns in die Welt hinaus, probieren neue Dinge aus und bewegen uns problemlos schnell und kraftvoll.

Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

Die Fähigkeit, im Gleichgewicht zu bleiben, ist verletzlicher und gefährdeter als wir gemeinhin denken. Solange wir damit keine Probleme haben, kommt es uns vor, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, ohne umzufallen auf zwei Beinen zu stehen, zu gehen, zu laufen oder zu hüpfen. Wir denken nicht über die Komplexität dieser Aufgabe nach, die unser Gehirn im Hintergrund jeder Tätigkeit ununterbrochen zu meistern hat. Gleichgewichtsprobleme gehören jedoch zu den häufigsten Gründen, weshalb ältere Menschen einen Arzt aufsuchen und sind die Hauptursache für Stürze. Untersuchungen der NASA haben gezeigt, dass bereits junge Menschen in ihren Zwanzigern erste Anzeichen einer verminderten Balancierfähigkeit zeigen.

Das Thema Gleichgewicht ist eine große und sehr grundsätzliche Angelegenheit. Unsere körperliche Struktur ist so beschaffen, dass wir im Grunde genommen ständig fallen. Wir haben eine winzige Basis, ein sehr hoch gelegenes Gravitationszentrum und ganz oben einen ziemlich schweren Kopf. Dank dieser instabilen Struktur haben wir eine enorme Bewegungsfreiheit in alle Richtungen und können uns ohne weiteres in Bewegung setzen oder die Richtung ändern. Als Preis dafür, muss unser Gehirn die ganze Zeit sicherstellen, dass wir nicht fallen. Mit Hilfe somato-sensorischer Wahrnehmungen und der Augen sowie des Vestibularsystems im Innenohr, berechnet es ununterbrochen unsere Position im Raum und koordiniert die Muskeln. Dies ist ein hoch komplexer Prozess, der fortwährend stattfindet, ohne dass wir im Normalfall viel davon mitbekommen.

Es ist hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass das Gleichgewicht eine Aktivität ist – kein Ding, das wir haben oder eben nicht. Mit der „Aktivität“, das Gleichgewicht spontan und unbewusst jederzeit wiederzufinden, sind wir von Kindesbeinen an vertraut. Wir mussten sie über viele Jahre hinweg lernen und verfeinern. In einem organischen Lernprozess, bei dem wir ausprobierten, scheiterten, wieder ausprobierten, besser scheiterten und so fort, vernetzte sich unser Gehirn in zunehmendem Maße und bildete Muster heraus, die es ermöglichten, uns in der Schwerkraft allmählich aufzurichten. Ein gesundes Kind benötigt rund sechs Jahre um herauszufinden, wie es einige Sekunden lang sicher auf einem Bein stehen kann! Damit nicht genug. Es fährt noch lange damit fort, spielend, laufend, kletternd seine Gleichgewichtsfähigkeit zu verbessern und während des Balancierens zunehmend komplexere Dinge auszuführen.

Anders als Kinder, die ständig in Bewegung sind und ihr Gehirn permanent mit neuen Gleichgewichts-Herausforderungen beschäftigen, verbringen wir als Erwachsene viele Stunden in stabilen Sitzpositionen und lassen unser Gehirn – bezüglich der Aufgabe, das Fallen zu verhindern – buchstäblich verhungern! Auch viele Fitness-Programme fordern das Gleichgewicht kaum heraus. So bieten beispielsweise stationäre Fahrrad-Hometrainer oder das Gewichtheben an einer Maschine nur geringe bzw. gar keine Variationsmöglichkeiten.

Durch die einseitigen Routinen unseres modernen Alltagslebens wird die fundamentale Fähigkeit, unbewusst, fließend und spontan das Gleichgewicht immer wieder zu finden, allmählich beeinträchtigt.

Der beginnende Verlust der Gleichgewichts-Fähigkeit bei jüngeren Menschen führt zunächst zu einer reduzierten Motivation, sich zu bewegen und neue Dinge auszuprobieren. Dies wiederum vermindert weiteres Lernen, schränkt die allgemeine Vitalität und Lebensfreude ein.

Viele ältere Menschen tendieren in der Folge dazu, einen breiteren Stand einzunehmen, beim Gehen zu schlurfen und ihren ganzen Körper immer steifer zu halten. Sie bewegen sich, als wären sie ein fester Klotz und versuchen so Stabilität und Sicherheit zu erzeugen. Tatsächlich verhindern sie auf diese Weise jedoch all die Bewegung, die nötig ist, um sich auszubalancieren. Es entsteht eine fixierte Art von Stabilität wie bei einem Möbelstück.

Zum Glück können wir jedoch viel dafür tun, unsere Balance-Fähigkeit zu erhalten. Das menschliche Gehirn ist unser wandelbarster Körperteil und unter den richtigen Bedingungen kann dem Verlust guten Gleichgewichts entgegen gewirkt werden.

Da Gleichgewicht das Resultat einer komplexen Hirnaktivität ist, die auf organischem Lernen beruht, können wir es beeinflussen. Um die Fähigkeit des Balancierens pflegen und fördern zu können, müssen wir bereit sein, unsere Bewegungs-Gewohnheiten in Frage zu stellen, unsere Balance herauszufordern und unser Gefühl für Bewegung – den kinästhetischen Sinn – zu schulen.

Die Feldenkrais-Methode ist dafür ein optimales Werkzeug. Sie fördert unsere Bewusstheit, um sicherer, leichter und zweckmäßiger handeln zu können. Wenn wir wahrnehmen, was wir tun und erkennen, dass es Alternativen dazu gibt, können wir die eigenen Bewegungen besser lenken und unser Gehirn darf tun, was es am besten kann: Bewegung koordinieren.

Mini-Übung für den Alltag: »Challenge your Balance!«:

  1. Innehalten und den Körper spüren: Nimm dir vor, zwei bis drei mal am Tag während einer Tätigkeit innezuhalten und auf die Empfindungen des eigenen Gewichts und des Atems zu achten. Schließ die Augen und frage dich: „Wie sieht meine Körperhaltung aus? Welche Teile meines Körpers berühren gerade den Boden? Wie ist meine Beziehung zur Schwerkraft in diesem Augenblick? Kann ich etwas daran verbessern, indem ich überflüssige, unzweckmäßige Anstrengungen sein lasse? Ist meine Wirbelsäule aufrecht oder gebeugt? Wie fühlen sich die Schultern an? Was macht die Atmung? Ist der Kiefer locker? Sind die Augen entspannt?“

    Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

    Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

  1. „Erden!“: Geh erneut mit deiner Aufmerksamkeit bewusst zu den Stellen deines Körpers, die den Boden oder eine andere tragende Oberfläche berühren. Du kannst dich „erden“, indem du ein paar Atemzüge lang bewusst dein Gewicht auf diese Berührungspunkte sinken lässt und gleichsam der Schwerkraft ein wenig nachgibst.
  1. Fordere dein Gleichgewicht heraus: Probiere nun aus, ob du die Unterstützungsfläche, die dich trägt ein kleines bisschen reduzieren kannst. Das muss keine große Sache sein: Wenn du auf beiden Beinen stehst, verlagere ganz langsam dein Gewicht auf ein Bein und versuche den anderen Fuß vom Boden zu heben. Oder hüpfe ein paar Mal. Oder stell dich mit beiden Füßen auf die Zehenspitzen. Wenn du gerade sitzt: steh ganz langsam und ohne Anstrengung auf. Beobachte, wie du dich innerlich organisieren musst, um mit möglichst wenig Aufwand auf beide Beine zu kommen. Erfinde eigene Variationen!

Wichtig ist, dass du langsam, leicht und bewusst vorgehst. Orientiere dich an den Feldenkrais-Arbeitsprinzipien. Wiederhole diese kleine Übung mehrmals am Tag. Es ist die Summe kleiner Veränderungen, die einen großen Unterschied machen und zu mehr Bewusstheit und Ganzheit beitragen.

Tagesseminar im Bewegungsatelier Leipzig: Gleichgewicht – Förderung von Koordination und Orientierung

Das Selbstbild bei Feldenkrais

„Jeder Mensch handelt nach dem Bild, das er sich von sich selbst macht.“ – Moshé Feldenkrais

In seinem Buch „Bewusstheit durch Bewegung“ schreibt Moshé Feldenkrais, dass jemand, der sein Verhalten verändern möchte, eigentlich sein Selbstbild verändern muss.

Selbstbild_Tafel

Unser Selbstbild ist uns so nahe und vertraut, dass wir normalerweise gar nicht darüber nachdenken. Andererseits ist der Begriff komplex und schwer zu fassen, da es sich um ein sprachliches Konstrukt handelt und nicht um ein konkretes Bild, das man vor sich hinstellen und anschauen kann. Im Grunde genommen ist „Bild“ gar nicht das treffende Wort. Man könnte „Selbstbild“ auch als eine Art dynamisches Netzwerk von Wahrnehmungen, Ideen und Gewohnheiten beschreiben, die einem Menschen das Gefühl geben, sich selbst zu sein, und die sein Handeln lenken.

In der Psychologie bezeichnet der Begriff Selbstbild die Vorstellung, die jemand von sich selbst hat. Für Moshé Feldenkrais ist es eng mit dem Körperbild verknüpft. Es umfasst sowohl die Form und die Beziehung der Körperteile zueinander als auch räumliche und zeitliche Bezüge sowie kinästhetische Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Alle Bestandteile sind aufs innigste miteinander verwoben und bilden ein untrennbares Ganzes. Dieses ist dynamisch und ändert sich von Handlung zu Handlung. Aber all unsere Handlungen haben die Tendenz, mit der Zeit zur Gewohnheit zu erstarren – Gewohnheiten, die wiederum unsere Selbsterfahrung prägen. Wenn wir mit Schmerzen, Verletzungen oder anderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, sind diese auf allen Ebenen des Selbstbildes repräsentiert.

Wie können wir auf dieses komplexe Ganze zielgerichtet einwirken?

Moshé Feldenkrais große Stärke war es, abstrakte Ideen in konkretes Tun zu übersetzen. Sein Ansatz konzentriert sich auf den motorischen Aspekt des Selbstbildes, da aber alle anderen Aspekte in die Bewegung eingewoben sind, werden sie – so Feldenkrais These – ebenfalls beeinflusst.

Jede Feldenkrais-Lektion soll im Grunde eine Klärung des Selbstbildes bewirken und damit auch eine Klärung des Handelns. Ideal wäre, wenn das Resultat einer Handlung möglichst genau der Absicht entspricht, die ihr zugrunde liegt. Dies ist jedoch nur selten der Fall, da viele unbewusste Spannungen die Ausführung beeinträchtigen können.

Um unser Handeln bewusst verändern zu können, müssen wir die Körperteile spüren, die an der Handlung beteiligt sind. Daher beginnen wir eine Feldenkrais-Stunde fast immer mit einer bewussten Wahrnehmungsreise durch den Körper. Normalerweise spüren wir die Stellen am deutlichsten, deren wir uns auch im Alltag am meisten bedienen. Die verschwommenen, unklaren, stummen Bereiche sind nur indirekt und unbewusst in die Alltagshandlungen eingebunden. Genau diese spielen jedoch oft eine bedeutende Rolle bei Beschwerden und Schwierigkeiten. Sie gilt es allmählich aufzuspüren und zu integrieren.

Ein vollständiges Selbstbild – also eine gleichmäßige Bewusstheit für alle Aspekte des Selbst und des Körpers – ist allerdings ein kaum zu erreichendes Ideal. Alles was wir normalerweise tun, ist den Grenzen unseres gewohnten Selbstbildes unterworfen, welches häufig nur einem schmalen Ausschnitt des Idealbildes entspricht. So schätzen beispielsweise die meisten von uns bei geschlossenen Augen die Größenverhältnisse innerhalb des Körpers sehr ungenau ein. Die Differenz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit kann folglich recht groß sein, was auch die Resultate unserer Handlungen beeinträchtigt. Wie wir unseren Kopf halten, die Schultern, den Bauch, wie wir stehen, gehen oder uns setzen, beruht auf diesem subjektiven, zum Teil verzerrten, verkleinerten oder aufgeblasenen Bild unserer selbst.

Während einer Feldenkrais-Stunde beobachten wir unser Selbstbild in Aktion. Damit es möglich wird, viele, ungewohnte Details und Zusammenhänge zu erkennen, bewegen wir uns langsam, achtsam und mit möglichst wenig Muskelkraft. Feldenkrais-Lektionen sind außerdem so aufgebaut, dass uns allmählich die Geometrie und die natürliche Funktionsweise unseres Körpers immer klarer werden. Wenn wir die Methode regelmäßig praktizieren, verringern wir auf systematische Weise die genannte Differenz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit, was langfristig viel wirksamer ist, als es die bloße Korrektur einzelner Handlungen wäre.

Moshé Feldenkrais vergleicht die durch seine Methode mögliche Verbesserung der Dynamik des Selbstbildes mit dem Stimmen eines Musikinstruments. Wenn wir gut gestimmt sind, bekommen unsere Handlungen zunehmend harmonische Qualitäten, sie werden leichter, wirksamer und nicht zuletzt schöner!

Übrigens: Bis April 2015 ist das Selbstbild der Themenschwerpunkt im fortlaufenden Gruppenkurs im Bewegungsatelier Leipzig

 

 

Leichtigkeit oder die Kunst, Kraft intelligent einzusetzen

Wenn wir irgendeine Fähigkeit verbessern wollen, wenden wir zunächst meistens reflexartig mehr Kraft an. Wir strengen uns an, beißen die Zähne zusammen, versuchen durch mehr physische Leistung ein besseres Resultat zu erzwingen oder es uns zu „verdienen“. In den meisten Fällen wäre es aber vor allem erforderlich, genauer zu verstehen, wie wir die Handlung ausführen, um eine effektivere Koordination zu finden.

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Wenn wir beispielsweise beim Tennisspiel versuchen einen besseren Aufschlag zu erreichen, wird es nicht genügen einfach fester draufzuhauen. Der gesamte Bewegungsablauf muss anders koordiniert werden, um alle beteiligten Handlungselemente optimaler aufeinander abzustimmen. Das kann nur gelingen, wenn wir zunächst die Kraft reduzieren und auf die Zusammenhänge in uns selbst horchen, während wir uns bewegen. Schließlich können wir auf diese Weise sogar mehr Kraft generieren weil sie wirkungsvoller durch den Arm geleitet wird, wenn wir uns insgesamt besser organisieren.

Moshé Feldenkrais bezog sich häufig auf das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz, welches besagt, dass die Stärke von Sinneseindrücken logarithmisch zur Intensität des physikalischen Reizes verläuft – einfacher ausgedrückt: Je weniger Kraft wir benutzen, desto mehr können wir wahrnehmen. Durch die Wahrnehmung von Unterschieden erzeugt das Gehirn neue Informationen, die es für die Steuerung des Organismus braucht. Die moderne Hirnforschung bestätigt Feldenkrais Annahme, dass die Fähigkeit, immer feinere Differenzierungen vornehmen zu können, uns Menschen nahezu unendlich lern- und entwicklungsfähig macht. Auch unsere Vitalität scheint aufs intimste mit der Fähigkeit des Gehirns verknüpft zu sein, subtile Unterschiede bemerken zu können.

Scheinbar paradoxer Weise, ist die Wahrnehmung feinster Unterschiede gerade bei besonders spektakulären Aktivitäten, wie beispielsweise Hochgebirgsklettern, Autorennen fahren oder Kampfkunst sogar überlebenswichtig, da gegebenenfalls winzige Veränderungen in der Umgebung eine sofortige Reaktion erfordern. Hier taucht ein interessanter Zusammenhang auf: Ein häufig übersehener Faktor der »Krieger-Mentalität« in den fernöstlichen Kampfkünsten ist die Eleganz! Eleganz hat mit Leichtigkeit zu tun und kommt von der Fähigkeit, während des Handelns zu fühlen, was in und um einen herum geschieht, um unmittelbar auf Veränderungen reagieren zu können. Dies lässt sich bei guten Kampfkünstlern ebenso wie bei herausragenden Sportlerinnen, Schauspielern, Tänzerinnen oder sonstigen Meistern ihres Faches beobachten. Das Gegenteil davon ist exzessiver Kraftgebrauch, den viele für nötig halten, um etwas zu erreichen oder besonderen Eindruck zu hinterlassen. Aber nur wer seinen Krafteinsatz souverän beherrscht, kann ganz präsent und reaktionsfähig sein und einen wirklich starken Eindruck hinterlassen. Voraussetzung dafür ist Leichtigkeit – eine Kunst, die lebenslanger Praxis bedarf.

Wenn du Lust hast, probiere folgendes aus:

  • Reduziere bei einer beliebigen Alltagstätigkeit oder beim Training einer Sportart die Kraft um 90% ! – Nimm wahr, was übrig bleibt! Bewegst du dich noch? Wie fühlt es sich an? Welche Wahrnehmungen über die Qualität und die Koordination deiner Bewegung tauchen auf? Setz dann wieder etwas mehr Kraft ein. Spiele mit unterschiedlichem Krafteinsatz. Entdeckst du vielleicht Gewohnheiten, die mit übermäßigem Kraftaufwand zu tun haben? Erforsche auf diese Weise viele verschiedene Handlungen und finde heraus, welcher Kraftgebrauch der Sache am besten entspricht.
  • Was passiert, wenn du die Absicht hast, eine Handlung ganz elegant auszuführen? Was für ein Körpergefühl stellt sich ein? Wie setzt du deine Kraft ein? Probiere dann auch das Gegenteil aus, führe die gleiche Handlung ungelenk und steif aus. Kehre wieder zurück zur eleganten Variante. Erforsche diese Vorgehensweise anhand verschiedener Tätigkeiten wie Staubsaugen, den Tisch decken oder Einkäufe im Regal verstauen etc.

Wenn du etwas über weitere Feldenkrais Arbeitsprinzipien der Feldenkrais-Methode lesen möchtest, klicke hier oder geh in der Kategoriewolke auf Arbeitsprinzipien.

Langsamkeit

Mae West: „Wenn es wert ist, getan zu werden, dann ist es wert langsam getan zu werden!“

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Geschwindigkeit scheint der alles bestimmende Faktor unserer Zeit zu sein. Als „gut“ gilt, wer als erster ans Ziel kommt oder was im Handumdrehen gelingt. Alles muss schnell gehen, von der Fortbewegung über die Kommunikation mit Internet, Telefon oder Handy bis hin zum Essen. Wir sind dermaßen daran gewöhnt, alles möglichst ohne Verzögerung zu bekommen und zu erledigen, dass Langsamkeit schon einen negativen Beigeschmack bekommen hat. Mit Langsamkeit assoziieren wir Langeweile, Begriffsstutzigkeit, Trägheit, Dummheit, nervendes Warten und vieles mehr.

Lern- und Entwicklungsprozesse sind jedoch nicht im Handumdrehen zu vollziehen. Es ist sogar umgekehrt: Schnelligkeit und Eile oder gar Hast stehen ihnen im Wege oder verhindern sie gänzlich. Wann immer wir etwas Neues lernen, ist Langsamkeit eine unabdingbare Voraussetzung.

Selbstverständlich ist die Fähigkeit, Dinge schnell tun zu können, im Alltag unerlässlich und wunderbar. Es ist aber wichtig, zu wissen, dass wir nur das schnell tun können, was wir bereits häufig getan haben und gut kennen. Das Gehirn funktioniert dabei automatisiert und benutzt tief eingeprägte Muster. Es gibt keinen Platz für Neues.

Hingegen, wenn wir etwas sehr langsam tun, erregen wir die Aufmerksamkeit des Gehirns und geben ihm die Chance, feine Unterschiede wahrzunehmen, neue Verbindungen zu knüpfen und den ganzen Handlungsablauf neu zu koordinieren. Langsamkeit ermöglicht es uns, zu fühlen, was geschieht und wie es geschieht, sie ermöglicht es uns, Unterscheidungen wahrzunehmen und Neues zu entdecken. Durch Langsamkeit füttern wir das Gehirn mit jenen sensorischen Informationen, die es benötigt, um optimal funktionieren und neue Bewegungs-, Gedanken- und Beziehungsmuster bilden zu können.

Da Feldenkrais-Stunden keine besondere Art der Gymnastik sind, sondern darauf abzielen, stimmige Verhältnisse für die komplexen Prozesse unserer Verhaltensteuerung zu schaffen, ist es für die Wirksamkeit der Stunden zwingend notwendig, die vorgeschlagenen Bewegungen möglichst langsam auszuführen. Dann ist es möglich, das Zusammenspiel aller Elemente, die an einer Handlung beteiligt sind, organisch zu verbessern.

Vielleicht hast du Lust, die folgenden Übungen für den Alltag auszuprobieren:

  1. Mach regelmäßig Langsamkeits-Pausen! Nimm dir beispielsweise jeden Tag eine Tätigkeit von etwa zehn Minuten vor, die du wirklich langsam ausführst! Horche dabei auf deine Gedanken, Gefühle und Empfindungen, nimm wahr wie du atmest und wo du dich anstrengst.
  2. Wenn etwas schwierig ist, nutze die Gelegenheit als Erinnerung daran, langsamer zu werden, statt dich mehr anzustrengen (wie es vielleicht deiner Gewohnheit entsprechen würde).
  3. Wenn etwas sehr schnell gehen muss, bremse dein Tempo und vermeide jegliche Hast! Das kann eine gewaltige Herausforderung für die eigenen Gewohnheiten sein, aber auch eine lohnende paradoxe Intervention, gemäß dem Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach langsam!

Die menschliche Bewegungsentwicklung

Eine Feldenkrais-Lektion mit dem Baby Liv

Produced by Irene Gutteridge
Directed by Irene Gutteridge and Jenn Strom
Camera, Writing and Editing by Jenn Strom
Original Music by David Picking