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Variationen

„Wenn du etwas anderes als das Gewohnte erreichen möchtest, tue etwas Anderes! Wenn du immer die gleichen Übungen machst, die gleichen Bewegungen ausführst, das gleiche Glaubenssystem nutzt, die gleiche Art mit deinem Partner zu kommunizieren, wirst du immer die gleichen Ergebnisse erzielen!“ (Anat Baniel)

Feldenkrais Arbeitsprinzip: Variationen

Feldenkrais Arbeitsprinzip: Variationen

Dem führenden Bewegungswissenschaftler Nicolai A. Bernstein zufolge, ist motorische Geschicklichkeit keine ins Gehirn eingeschriebene Bewegungsformel, sondern die Fähigkeit, motorische Probleme zu lösen. Es ist die Fähigkeit, eine Lösung durch vielfältige Variationen zu finden. Variationen sind hier als Gegensatz zu stumpfer Repetition gemeint. Nicht die häufige Wiederholung der einen »richtigen« Handlung oder des »korrekten« Musters führt zum Erfolg, sondern viele verschiedene Abwandlungen davon. Variationen beliefern das Gehirn mit den frischen sensorischen Informationen, die es braucht um neue Verbindungen zu knüpfen. So entsteht ein breit abgestütztes neuronales Netzwerk, welches die Handlung, die Fertigkeit oder das Verhalten trägt und unterstützt. Auch für bereits erworbene Fähigkeiten benötigt das Gehirn immer wieder neue Variationen, um nicht in eine starre, unflexible Funktionsweise zu verfallen.

Meistens, wenn wir etwas lernen sollen, wird uns eine einzige Möglichkeit vorgelegt, die wir zu pauken haben. Es gibt Lehrer, die ihren Schülern ausschließlich die optimale Lösung beibringen wollen und ununterbrochen jede kleine Abweichung korrigieren. In den meisten Fällen führt dies jedoch zu Frustration und einer armseligen Ausführung der Aufgabe. Wir brauchen die Chance, alle Optionen auszuprobieren und Fehler zu machen, sonst lernen wir nichts! Verbesserungen entstehen durch Variationen! Das ist eines der Hauptprinzipien der Feldenkrais-Arbeit! Wenn zum Beispiel ein Kind Schwierigkeiten hat, zwischen A und O zu unterscheiden, dann bringt es wenig, immer nur auf genau diesen beiden Buchstaben herumzureiten. Man muss auch andere Buchstaben dazu geben, sie verdrehen und auf den Kopf stellen und vieles mehr. Entscheidend ist es, spielerisch das Interesse zu wecken und sich dem Ziel aus vielen verschiedenen Richtungen zu nähern. Irgendwann wird das Kind anfangen Buchstaben zu unterscheiden! – Aber in der Schule wird auch heute noch häufig bloß auf dem einen »richtigen« Lösungsweg beharrt.

Wenn wir also etwas an der Art und Weise unseres Handelns verändern, Schwierigkeiten überwinden oder etwas Neues lernen wollen, empfiehlt es sich, jene Strategie anzuwenden, die wir als Kind perfekt beherrschten: spielen! Zu spielen ist eine vergnügliche, leichte, angenehme Form des Experimentierens und Variierens, um das Gehirn anzuregen, neue Lösungen für möglicherweise Altbekanntes zu finden. Ein gesundes Kind generiert spontan seine eigenen Variationen! Aber wenn wir älter werden, hören wir auf Variationen zu suchen und geraten deshalb immer mehr in Schwierigkeiten! Das macht einen großen Teil des Alterungsprozesses aus! Abwechslung ist insofern nicht nur die Würze des Lebens, sondern auch die Quelle der Lebendigkeit.

Ich erinnere mich an eine Anekdote, die ein Trainer während meiner Feldenkrais-Ausbildung erzählte: Als Moshé Feldenkrais einmal gefragt wurde, was die richtige Art sei, Liebe zu machen, erklärte er: „Mach es einmal wie ein Stier, einmal wie eine Eidechse, einmal wie ein Panther, einmal wie ein Zebra… – er zählte etwa zwölf verschiedene Tiere auf – „ …und danach wirst du wissen, was die menschliche Art und Weise ist!

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Leichtigkeit oder die Kunst, Kraft intelligent einzusetzen

Wenn wir irgendeine Fähigkeit verbessern wollen, wenden wir zunächst meistens reflexartig mehr Kraft an. Wir strengen uns an, beißen die Zähne zusammen, versuchen durch mehr physische Leistung ein besseres Resultat zu erzwingen oder es uns zu „verdienen“. In den meisten Fällen wäre es aber vor allem erforderlich, genauer zu verstehen, wie wir die Handlung ausführen, um eine effektivere Koordination zu finden.

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Wenn wir beispielsweise beim Tennisspiel versuchen einen besseren Aufschlag zu erreichen, wird es nicht genügen einfach fester draufzuhauen. Der gesamte Bewegungsablauf muss anders koordiniert werden, um alle beteiligten Handlungselemente optimaler aufeinander abzustimmen. Das kann nur gelingen, wenn wir zunächst die Kraft reduzieren und auf die Zusammenhänge in uns selbst horchen, während wir uns bewegen. Schließlich können wir auf diese Weise sogar mehr Kraft generieren weil sie wirkungsvoller durch den Arm geleitet wird, wenn wir uns insgesamt besser organisieren.

Moshé Feldenkrais bezog sich häufig auf das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz, welches besagt, dass die Stärke von Sinneseindrücken logarithmisch zur Intensität des physikalischen Reizes verläuft – einfacher ausgedrückt: Je weniger Kraft wir benutzen, desto mehr können wir wahrnehmen. Durch die Wahrnehmung von Unterschieden erzeugt das Gehirn neue Informationen, die es für die Steuerung des Organismus braucht. Die moderne Hirnforschung bestätigt Feldenkrais Annahme, dass die Fähigkeit, immer feinere Differenzierungen vornehmen zu können, uns Menschen nahezu unendlich lern- und entwicklungsfähig macht. Auch unsere Vitalität scheint aufs intimste mit der Fähigkeit des Gehirns verknüpft zu sein, subtile Unterschiede bemerken zu können.

Scheinbar paradoxer Weise, ist die Wahrnehmung feinster Unterschiede gerade bei besonders spektakulären Aktivitäten, wie beispielsweise Hochgebirgsklettern, Autorennen fahren oder Kampfkunst sogar überlebenswichtig, da gegebenenfalls winzige Veränderungen in der Umgebung eine sofortige Reaktion erfordern. Hier taucht ein interessanter Zusammenhang auf: Ein häufig übersehener Faktor der »Krieger-Mentalität« in den fernöstlichen Kampfkünsten ist die Eleganz! Eleganz hat mit Leichtigkeit zu tun und kommt von der Fähigkeit, während des Handelns zu fühlen, was in und um einen herum geschieht, um unmittelbar auf Veränderungen reagieren zu können. Dies lässt sich bei guten Kampfkünstlern ebenso wie bei herausragenden Sportlerinnen, Schauspielern, Tänzerinnen oder sonstigen Meistern ihres Faches beobachten. Das Gegenteil davon ist exzessiver Kraftgebrauch, den viele für nötig halten, um etwas zu erreichen oder besonderen Eindruck zu hinterlassen. Aber nur wer seinen Krafteinsatz souverän beherrscht, kann ganz präsent und reaktionsfähig sein und einen wirklich starken Eindruck hinterlassen. Voraussetzung dafür ist Leichtigkeit – eine Kunst, die lebenslanger Praxis bedarf.

Wenn du Lust hast, probiere folgendes aus:

  • Reduziere bei einer beliebigen Alltagstätigkeit oder beim Training einer Sportart die Kraft um 90% ! – Nimm wahr, was übrig bleibt! Bewegst du dich noch? Wie fühlt es sich an? Welche Wahrnehmungen über die Qualität und die Koordination deiner Bewegung tauchen auf? Setz dann wieder etwas mehr Kraft ein. Spiele mit unterschiedlichem Krafteinsatz. Entdeckst du vielleicht Gewohnheiten, die mit übermäßigem Kraftaufwand zu tun haben? Erforsche auf diese Weise viele verschiedene Handlungen und finde heraus, welcher Kraftgebrauch der Sache am besten entspricht.
  • Was passiert, wenn du die Absicht hast, eine Handlung ganz elegant auszuführen? Was für ein Körpergefühl stellt sich ein? Wie setzt du deine Kraft ein? Probiere dann auch das Gegenteil aus, führe die gleiche Handlung ungelenk und steif aus. Kehre wieder zurück zur eleganten Variante. Erforsche diese Vorgehensweise anhand verschiedener Tätigkeiten wie Staubsaugen, den Tisch decken oder Einkäufe im Regal verstauen etc.

Wenn du etwas über weitere Feldenkrais Arbeitsprinzipien der Feldenkrais-Methode lesen möchtest, klicke hier oder geh in der Kategoriewolke auf Arbeitsprinzipien.

Langsamkeit

Mae West: „Wenn es wert ist, getan zu werden, dann ist es wert langsam getan zu werden!“

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Geschwindigkeit scheint der alles bestimmende Faktor unserer Zeit zu sein. Als „gut“ gilt, wer als erster ans Ziel kommt oder was im Handumdrehen gelingt. Alles muss schnell gehen, von der Fortbewegung über die Kommunikation mit Internet, Telefon oder Handy bis hin zum Essen. Wir sind dermaßen daran gewöhnt, alles möglichst ohne Verzögerung zu bekommen und zu erledigen, dass Langsamkeit schon einen negativen Beigeschmack bekommen hat. Mit Langsamkeit assoziieren wir Langeweile, Begriffsstutzigkeit, Trägheit, Dummheit, nervendes Warten und vieles mehr.

Lern- und Entwicklungsprozesse sind jedoch nicht im Handumdrehen zu vollziehen. Es ist sogar umgekehrt: Schnelligkeit und Eile oder gar Hast stehen ihnen im Wege oder verhindern sie gänzlich. Wann immer wir etwas Neues lernen, ist Langsamkeit eine unabdingbare Voraussetzung.

Selbstverständlich ist die Fähigkeit, Dinge schnell tun zu können, im Alltag unerlässlich und wunderbar. Es ist aber wichtig, zu wissen, dass wir nur das schnell tun können, was wir bereits häufig getan haben und gut kennen. Das Gehirn funktioniert dabei automatisiert und benutzt tief eingeprägte Muster. Es gibt keinen Platz für Neues.

Hingegen, wenn wir etwas sehr langsam tun, erregen wir die Aufmerksamkeit des Gehirns und geben ihm die Chance, feine Unterschiede wahrzunehmen, neue Verbindungen zu knüpfen und den ganzen Handlungsablauf neu zu koordinieren. Langsamkeit ermöglicht es uns, zu fühlen, was geschieht und wie es geschieht, sie ermöglicht es uns, Unterscheidungen wahrzunehmen und Neues zu entdecken. Durch Langsamkeit füttern wir das Gehirn mit jenen sensorischen Informationen, die es benötigt, um optimal funktionieren und neue Bewegungs-, Gedanken- und Beziehungsmuster bilden zu können.

Da Feldenkrais-Stunden keine besondere Art der Gymnastik sind, sondern darauf abzielen, stimmige Verhältnisse für die komplexen Prozesse unserer Verhaltensteuerung zu schaffen, ist es für die Wirksamkeit der Stunden zwingend notwendig, die vorgeschlagenen Bewegungen möglichst langsam auszuführen. Dann ist es möglich, das Zusammenspiel aller Elemente, die an einer Handlung beteiligt sind, organisch zu verbessern.

Vielleicht hast du Lust, die folgenden Übungen für den Alltag auszuprobieren:

  1. Mach regelmäßig Langsamkeits-Pausen! Nimm dir beispielsweise jeden Tag eine Tätigkeit von etwa zehn Minuten vor, die du wirklich langsam ausführst! Horche dabei auf deine Gedanken, Gefühle und Empfindungen, nimm wahr wie du atmest und wo du dich anstrengst.
  2. Wenn etwas schwierig ist, nutze die Gelegenheit als Erinnerung daran, langsamer zu werden, statt dich mehr anzustrengen (wie es vielleicht deiner Gewohnheit entsprechen würde).
  3. Wenn etwas sehr schnell gehen muss, bremse dein Tempo und vermeide jegliche Hast! Das kann eine gewaltige Herausforderung für die eigenen Gewohnheiten sein, aber auch eine lohnende paradoxe Intervention, gemäß dem Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach langsam!

Gerald Hüther im Gespräch

Ich möchte euch dieses sehr inspirierende und Mut machende Gespräch mit dem Neurobiologen Gerald Hüther ans Herz legen. Hüther ist ein Wissenschaftler, der Brücken bauen möchte zwischen Forschung und täglicher Lebenspraxis. Er sagt, dass Wissenschaft dafür da sei, Lösungen zu finden für die Probleme der jeweiligen Zeit, und dass sie erst dann wirklich etwas schafft, wenn die Menschen draußen damit etwas anfangen können.

In diesem Gespräch geht es um das Hirn als soziales Produkt, um die Bedeutung der Begeisterung für das Lernen, um die Entwicklung einer neuen Kultur des Zusammenarbeitens, um Freiheit, Liebe, Wachstum und Weiterentwicklung. Nicht zuletzt geht es darum, dass das Potential, das wir in uns tragen nur von unten nach oben wachsen kann und jeder Einzelne bei sich selbst beginnen kann…

Link zur NDR Radiosendung: Gerald Hüther im Gespräch

(NDR Sendung 26.12. 2011 | Gerald Hüther im Gespräch mit Kirsten Pape)

Tatort-Kommissarin macht Feldenkrais

Ulrike Folkerts, die im Ludwigshafener „Tatort“ die Hauptkommissarin Lena Odenthal spielt, nimmt seit Jahren Feldenkrais-Stunden. In ihrem Buch „Das macht mich stark“ widmete sie der Feldenkrais-Methode ein ganzes Kapitel. Im Folgenden ein paar Zitate:

„Es sind spannende Momente wenn man neue Bewegungsabläufe in seinem und durch seinen Körper entdeckt.(…)

 Ich bekam einen Tipp von Lena Odenthals Kollegen Kriminaloberkommissar Mario Kopper. Versuch’s doch mal mit Feldenkrais. Ich hatte keine Vorstellung davon, was sich dahinter verbergen könnte. Aber neugierig, wie ich bin, war ich bereit für ein Abenteuer. Ich fand eine sehr sympathische Feldenkrais-Lehrerin und eine behagliche Atmosphäre (…) Ich hatte immer wieder stressbedingte Verspannungen im Nacken und Rücken und weil unser Leben schon schnell genug geht, entdeckte ich mit Feldenkrais
sehr gerne die Langsamkeit.(…)


 „Was mir besonders gefiel war die Tatsache, dass es bei Feldenkrais überhaupt nicht darum geht, falsche oder schlechte Gewohnheiten irgendwie auszumerzen. Die Feldenkrais-Methode zielt auf ein körperliches Lernen, auf Lernprozesse durch Bewegung, die Veränderungen in der inneren und äußeren Haltung anregen. (…) Der Sinn des Ganzen besteht darin festzustellen, wie das Gehirn mit einer neuen Situation zunächst zurechtkommt. Das Gehirn fühlt sich aus den gewohnten Bahnen geworfen und muss etwas umbauen. (…) Ich lernte, wie sich seelische Verspannungen, die sich in körperlichen zeigen, verändern können. (…) Ich entdecke Fähigkeiten in meinem Körper und mit meinem Körper, die ich längst vergessen hatte. Ich lerne neu. Ich lerne um. Rein theoretisch können wir unser ganzes Leben lang so lernen, ich habe mein eigenes Potenzial auf diesem Wege überhaupt erst entdeckt.“

„Die Methode macht ehrlich. Wenn man will, bekommt man dadurch einen Zugang zu seinen Gefühlen und gleichzeitig Entspannung und Bewusstheit.“ (Ulrike Folkerts)