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Natürliche Bewegung – und wie wir sie erhalten können

Wenn Du versuchst, Dir eine Wildkatze in freier Wildbahn vorzustellen, taucht wahrscheinlich sofort ein lebendiges Bild von natürlicher Beweglichkeit auf. Die Wildkatze bewegt sich mit Leichtigkeit, Eleganz und Geschmeidigkeit, sie benutzt nur soviel Kraft wie nötig und das zumeist ihr ganzes Leben lang. Ihre Bewegungen sind von nichts als der Schwerkraft und den absoluten Einschränkungen ihres Skeletts und ihrer Gelenke limitiert, sie ist wach, präsent und dynamisch.

Ich schlage nicht vor, dass wir alle zu Wildkatzen mutieren sollen, aber als zivilisierte Menschen in einer hoch entwickelten Kultur verlieren wir im Laufe des Lebens unsere natürliche Beweglichkeit oft unverhältnismäßig früh. Einschränkende Gewohnheiten, die durch Krankheiten, Unfälle, Ängste, traumatische Erlebnisse oder einfach durch das Befolgen von unhinterfragten Regeln entstanden sind, limitieren das Repertoire und die Qualität unserer natürlichen Bewegungsfähigkeit zunehmend und oft in übertriebenem Maße – es sei denn, wir steuern dagegen! Doch wie sollen wir das anstellen?

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Moshé Feldenkrais hat in über vierzig Jahren eine Methode zur Verfeinerung und Förderung des menschlichen Verhaltens entwickelt. Er entschied sich, Bewegung nicht zu „lehren“ und dem Körper durch stereotype „Übungen“ einzuprägen wie viele andere Übungs- oder Trainings-Methoden, sondern sie zu benutzen, um menschliches Funktionieren von Grund auf zu untersuchen. Es gelang ihm eine Methode zu schaffen, die, auf organische Weise und sehr individuell, tiefgreifende Veränderungen von Handlungsgewohnheiten ermöglicht.

Natürliche Bewegung entsteht durch harmonische Koordination und fühlt sich sowohl sicher als auch elegant an. Dies gelingt weder unter den frustrierenden Bedingungen eines ständigen Wettbewerbs (wie er von unserem modernen Alltag häufig hervorgerufen wird) noch durch strenge Selbsttyrannei (wie die Fitnessindustrie uns gerne einzutrichtern versucht). Im Gegenteil, wenn wir unsere authentische Art uns zu bewegen wiedererlernen wollen, brauchen wir ein sicheres, angenehmes und entschleunigtes Lernumfeld.

Feldenkrais Stunden haben nichts mit physischer Anstrengung oder Imitation vorgegebener Bewegungen zu tun. Sie zielen vielmehr auf einen autonomen Lernprozess, der ein exklusiv menschliches Talent anzapft: unsere Fähigkeit zur  Bewusstheit – diese einzigartige Gabe, die es uns erlaubt, die geringsten Details unseres Tuns wahrnehmen zu können. Der körperliche Kraftaufwand bei dieser Art des Lernens ist minimal:

  • Du horchst auf das, was in Dir geschieht, während Du Dich bewegst.
  • Du verwendest deine Kräfte dafür, die Qualitäten deiner Bewegung zu verfeinern.
  • Du benutzt deine Sinne, um Verbindungen und Beziehungen in Dir selbst zu entdecken.
  • Du entwickelst eine immer subtilere Unterscheidungsfähigkeit, um entscheiden zu können, was für dich am besten funktioniert.
  • Du lernst, Dich selbst zu befragen und auf die Antworten von innen zu horchen.

Die Feldenkrais-Trainerin Ruthy Alon beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: „Wenn du dich darauf einlässt, kann es sein, dass du dich wie ein Kind fühlst, das auf einen riesigen Spielplatz voller ungewöhnlicher Spiele geführt wird, wo es – von Neugierde inspiriert – beginnt mit Bewegung zu spielen und allmählich, fast nebenher, ein Meister seiner eigenen natürlichen Bewegungsfähigkeit wird“. Indem Du Deine Bewegungen auf vielfältige Weise erforschst, bereicherst Du Dein Bewegungsvokabular mit neuen Optionen, die Dir helfen, Dich freier, leichter und sicherer zu bewegen. Du folgst beispielsweise den Fragen: wie komme ich vom Liegen zum Sitzen? Wie erhebe ich mein Gewicht vom Boden? Wie drehe ich mich, wie bücke ich mich, wie hebe ich etwas auf? Wie kann ich mich mit der Gravitation in einer Weise arrangieren, die sowohl angenehm als auch wirksam ist.

„Bewusstheit durch Bewegung“, die Gruppenstunden von Moshé Feldenkrais, bieten eine Möglichkeit, mehr Wachheit, Präsenz und Dynamik in Dein Handeln und Bewegen zu bringen.

In Leipzig kannst Du dies im Bewegungsatelier in der Alten Handelsschule ausprobieren: „Die Kunst natürlicher Bewegung“, fortlaufende Feldenkrais Gruppenstunden am Dienstag Abend oder Tagesseminar am 26. Juli 2014 „Nackenfreiheit und Schulterlösungen“

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Achtsamkeit

Alles, was wir tun, fühlen, denken und lernen hat seine Wurzel in Bewegung! Moshé Feldenkrais formulierte sehr radikal: „Bewegung ist Leben. Ohne Bewegung ist Leben undenkbar“ und führende Neurobiologen sagen, Bewegung sei die Sprache des Gehirns.

Es gibt allerdings zweierlei Arten, sich zu bewegen: Automatisierte Bewegung und Bewegung, die mit Achtsamkeit ausgeführt wird. Diesen Unterschied zu verstehen, kann der Schlüssel sein, um Einschränkungen, Schwierigkeiten und zuweilen sogar Schmerzen zu überwinden.

DSCN8051Beide Arten von Bewegung sind wichtig und lebensnotwendig. Automatisierte Bewegung erlaubt es uns, viele Handlungen des täglichen Lebens auszuführen wie beispielsweise zu gehen, zu sprechen, zu kochen, zu schreiben, Auto zu fahren und Unzähliges mehr. Wenn wir jedoch Schwierigkeiten überwinden, bestehende Bewegungsgewohnheiten verändern oder eine neue Fertigkeit erlernen wollen, müssen wir unsere volle Aufmerksamkeit auf die Qualität der Bewegung richten und auf das sensorische Feedback horchen, das von den peripheren Rezeptoren in den Gelenken, den Faszien, den Muskeln und der Haut zurück ans zentrale Nervensystem gesendet wirdBewegung „einfach nur so“, ohne auf die Ausführung zu achten, hat wenig Wirkung, wie neuro-wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. Je automatischer Bewegungen ausgeführt werden, desto weniger können sie den natürlichen Drang des Gehirns nach Entwicklung befriedigen. Wenn wir in Schwierigkeiten sind und uns einfach drauflos bewegen, können wir uns sogar noch viel mehr in Schwierigkeiten bringen.

Wenn wir uns hingegen nur ein paar Sekunden Zeit nehmen und anfangen, auf das zu achten, was wir tun, und fragen: Wo befinden sich die Füße, was machen die Wirbelsäule, die Rippen, der Kopf etc. dann beginnt ein völlig anderer Prozess im Gehirn. Wenn wir dies tun, beginnt unser Gehirn tatsächlich sehr schnell, unzählige neue Verbindungen zu knüpfen und damit neue Bewegungsmöglichkeiten zu generieren. Das menschliche Gehirn organisiert sich buchstäblich mittels Bewegung und die, durch Achtsamkeit gewonnenen, sensorischen Informationen dienen dabei als Treibstoff. Diese Veränderungen der Hirnaktivität können schnell zu klarerem Denken, leichteren Bewegungen, weniger Schmerz und wirkungsvolleren Handlungen führen. Mit einem so systematischen Vorgehen, wie es die Feldenkrais-Methode ermöglicht, können sogar allmählich Handlungen möglich werden, die wir früher für unmöglich gehalten haben.

Das Prinzip „Bewegung + Achtsamkeit“ kann auf jede beliebige Bewegung angewandt werden, sei es im Alltag bei Routinetätigkeiten wie Staubsaugen, Zähneputzen oder Abwaschen, sei es beim Training einer Sportart, beim Yoga oder sogar beim Workout.

Probiere es aus!

 

Acht Schlüssel-Prinzipien der Feldenkrais-Methode

Die Wirkungsweise der Feldenkrais-Methode beruht darauf, dass wir anhand von Bewegung mit dem Gehirn interagieren und es dazu anregen, neue Muster zu bilden. Wir nutzen in der Feldenkrais-Methode Bewegung, aber im Gegensatz zu vielen anderen Methoden, benutzen wir sie nicht mit der Absicht, Muskeln zu dehnen oder zu trainieren, sondern Veränderungen im Gehirn herbei zu führen. Es gibt einen natürlichen Drang des Gehirns sich zu entwickeln und immer präziser, wirksamer und angemessener mit der Umwelt zu interagieren. Dieser natürliche Prozess wird heute unter dem Begriff Neuroplastizität immer bekannter: Die Fähigkeit des Gehirns, jederzeit neue Verbindungen zu knüpfen – seine eigentliche Aufgabe ein Leben lang.

Acht-Arbeitsprinzipien für Bewusstheit durch Bewegung

Acht-Arbeitsprinzipien für Bewusstheit durch Bewegung

Damit das Gehirn seine Arbeit gut verrichten kann, müssen wir es mit den entsprechenden Informationen versorgen. Wenn wir die folgenden acht Schlüssel-Prinzipien in Verbindung mit Bewegung anwenden, beliefern wir es mit jenen sensorischen Informationen, die es benötigt, um aufzuwachen, zu wachsen und neue Bewegungs-, Gefühls-, Denkmuster zu bilden. Dadurch können wir allmählich gewohnheitsbedingte Einschränkungen und Schmerzen überwinden sowie das Spektrum der individuellen Handlungsfähigkeit erweitern und verfeinern. Darüber hinaus entwickeln wir die nötigen Mittel, um unsere natürliche Beweglichkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Moshé Feldenkrais nannte seine Gruppenarbeit »Bewusstheit durch Bewegung«. Bewusstheit ist unsere Fähigkeit, zu wissen, dass wir wissen, unsere Fähigkeit, uns selbst zu beobachten. Bewusstheit ist ein essentieller Grundbaustein für Selbsterkenntnis und unverzichtbar für wirkliches, tiefgreifendes Lernen. Wenn wir ohne Bewusstheit handeln, handeln wir automatisch und wissen manchmal nicht einmal, dass wir etwas tun. Aber,frei nach Moshé Feldenkrais: Nur wenn wir wissen, was wir tun, können wir tun, was wir wollen. Es ist wie eine Landkarte – unsere eigene innere Lebenslandkarte.

Wenn wir diese Arbeitsprinzipien auf unsere Bewegungen anwenden, erreichen wir genau dies: Bewusstheit durch Bewegung.

In den nächsten Monaten werde ich auf dieser Seite die einzelnen Prinzipien näher vorstellen. Klicke in der Kategorien-Wolke auf Arbeitsprinzipien, um weitere Artikel zu dem Thema zu finden.

Die Kunst natürlicher Bewegung

 

Natürliche Bewegung ist eine wichtige Basis für Gesundheit und Zufriedenheit. Sie fühlt sich sowohl sicher und mühelos als auch leicht und elegant an. Um die eigene natürliche Beweglichkeit wiederzuentdecken, benötigen wir einen autonomen Lernprozess in einem offenen und sicheren Rahmen. Die Feldenkrais-Stunden »Bewusstheit durch Bewegung« bieten genau das.

Bewusstheit durch Bewegung, Feldenkrais Gruppenunterricht

Feldenkrais Gruppenunterricht

Gesunde, natürliche Bewegung entsteht, wenn man über seine Kraft so verfügt, dass man sie entsprechend der Absicht und den zur Verfügung stehenden Mitteln einsetzt, ohne dabei parasitäre (also überflüssige, der Handlungsabsicht entgegen laufende) Bewegungen auszuführen.

Merkmale wirksamer Handlung:

  • Mühelosigkeit: Wirksame, natürliche Bewegungen fühlen sich – unabhängig vom tatsächlichen Energieaufwand – mühelos an, weil keine parasitären Muskelspannungen an ihr beteiligt sind. Das Gefühl von Mühe und Anstrengung entsteht dadurch, dass noch andere Handlungen als nur die Beabsichtigten ausgeführt werden.
  • Widerstandslosigkeit: Bei jeder gut organisierten Handlung wird von den Beckengelenken her Kraft durch die Wirbelsäule zum Kopf geleitet. Die Kontraktionen entlang der Wirbelsäule sind gerade groß genug, um sie in der Stellung zu halten, die  für die Kraftübertragung am besten ist. Es findet keine Kontraktion der Kopf- und Hals-muskulatur statt – es sei denn, gerade dies wäre die Absicht. Die Empfindung von Widerstand entsteht dadurch, dass die Glieder, der Brustkorb, die Schultern oder irgendein anderer Körperteil dazu gezwungen werden, die Arbeit der Becken- und Unterleibsmuskeln zu übernehmen.
  • Umkehrbarkeit: Wenn eine entworfene oder beabsichtigte Handlung begonnen oder unterlassen und in jedem Augenblick an jedem Punkt ihrer Bahn angehalten, umgekehrt, fortgesetzt oder durch eine andere Handlung ersetzt werden. Umkehrbarkeit lässt sich als Prüfstein und Maßstab fast jeder menschlicher Tätigkeit anwenden.
  • Atmung: Ruhige spontane Atmung bis in den Bauch oder bewusst zur Bewegung koordinierte Atmung.
  • Gefüllter Unterbauch: Der Unterleib bleibt frei und fühlt sich angenehm gefüllt an. Der Bauch ist weder angespannt noch hart oder eingezogen.

Der Ablauf sollte sich spielend leicht, anmutig und angenehm anfühlen und von außen als eine einfache, fließende Bewegung wahrzunehmen sein. Moshé Feldenkrais schreibt in seinem Buch »Das starke Selbst«: „Lernen Sie, mit diesem Zustand als Maßstab und Richtlinie aufzustehen, sich aufzurichten, zu stehen, zu sprechen, zu essen, zu lieben, zu arbeiten, aufs Klo zu gehen, zu denken!“

Die häufigsten Gründe, die dazu führen, dass wir uns nicht natürlich und wirksam bewegen, stammen aus unserer komplexen Beziehung zur Umwelt. Wenn wir zu sehr unter Druck stehen, Angst haben oder gestresst sind, wenn heftige Gefühle oder große Erregung sich im gesamten Nervensystem und in der Muskulatur verbreiten, wird die Feinsteuerung unmöglich gemacht. In solch einem Zustand handeln wir unter innerem Zwang und können keine alternativen Handlungsmöglichkeiten erkennen. Bei häufiger Wiederholung können allmählich ungünstige Bewegungsgewohnheiten entstehen, die den gesamten Organismus beeinträchtigen. Um zu natürlicher, gesunder Bewegung zurückzukehren, müssen wir unsere Gewohnheiten in Frage stellen und überholen!

Anzeichen für einen unzweckmäßigen Selbstgebrauch:

  • Atem anhalten
  • sich steif machen
  • einzelne Körpersegmente fest in einer Stellung fixieren
  • übermäßig Kraft aufwenden
  • zur Handlungsabsicht  gegenläufige (parasitäre) Kräfte

Nur ideale Menschen würden keine solchen unnützen Gewohnheiten entwickeln – ideale Menschen gibt es jedoch bekanntlich nicht. Wir können immer lernen, die Qualität dessen, was wir tun, zu verbessern, unabhängig davon, wie alt wir sind, unter welchen Bedingungen wir leben und welche persönliche Geschichte uns prägt. Was wir dafür benötigen, ist ein organischer Lernprozess bei dem wir Handlungen und Situationen von unbewussten Gefühlen, Spannungen und Anstrengungen befreien und zulassen, dass die Selbstorganisationsfähigkeit des Nervensystems neue, angemessenere Bewegungs- und Haltungsmuster erzeugt.

 

Halte den Kanal geöffnet

Martha Graham, dancer and choreographer Deutsc...

Image via Wikipedia

Es gibt eine Vitalität, eine Lebenskraft, eine Energie, eine Regung, die durch dich in Handlung umgesetzt wird.
 Und da es dich über alle Zeiten hinweg nur einmal gibt, ist dieser Ausdruck einzigartig.
 Wenn du ihn blockierst wird er niemals durch ein anderes Medium existieren und er wird verloren sein. Die Welt wird ihn nicht erleben.

Es ist nicht deine Aufgabe zu entscheiden, wie gut er ist oder wie wertvoll noch wie sich er im Vergleich mit Anderen schlägt.
 Es ist deine Aufgabe, ihn als den Deinen zu erhalten, klar und direkt, und den Kanal geöffnet zu halten.

Du musst nicht einmal an dich selbst oder an deine Arbeit glauben. Du musst nur offen und wach für all die Antriebe bleiben, die dich motivieren. Halte den Kanal geöffnet! (…) Es gibt keine endgültige Befriedigung. Es gibt nur eine seltsame, heilige Unzufriedenheit, eine gesegnete Unrast, die uns weiter gehen lässt und uns lebendig hält.

(Frei nach Martha Graham)