Archiv der Kategorie: Arbeitsprinzipien

Variationen

„Wenn du etwas anderes als das Gewohnte erreichen möchtest, tue etwas Anderes! Wenn du immer die gleichen Übungen machst, die gleichen Bewegungen ausführst, das gleiche Glaubenssystem nutzt, die gleiche Art mit deinem Partner zu kommunizieren, wirst du immer die gleichen Ergebnisse erzielen!“ (Anat Baniel)

Feldenkrais Arbeitsprinzip: Variationen

Feldenkrais Arbeitsprinzip: Variationen

Dem führenden Bewegungswissenschaftler Nicolai A. Bernstein zufolge, ist motorische Geschicklichkeit keine ins Gehirn eingeschriebene Bewegungsformel, sondern die Fähigkeit, motorische Probleme zu lösen. Es ist die Fähigkeit, eine Lösung durch vielfältige Variationen zu finden. Variationen sind hier als Gegensatz zu stumpfer Repetition gemeint. Nicht die häufige Wiederholung der einen »richtigen« Handlung oder des »korrekten« Musters führt zum Erfolg, sondern viele verschiedene Abwandlungen davon. Variationen beliefern das Gehirn mit den frischen sensorischen Informationen, die es braucht um neue Verbindungen zu knüpfen. So entsteht ein breit abgestütztes neuronales Netzwerk, welches die Handlung, die Fertigkeit oder das Verhalten trägt und unterstützt. Auch für bereits erworbene Fähigkeiten benötigt das Gehirn immer wieder neue Variationen, um nicht in eine starre, unflexible Funktionsweise zu verfallen.

Meistens, wenn wir etwas lernen sollen, wird uns eine einzige Möglichkeit vorgelegt, die wir zu pauken haben. Es gibt Lehrer, die ihren Schülern ausschließlich die optimale Lösung beibringen wollen und ununterbrochen jede kleine Abweichung korrigieren. In den meisten Fällen führt dies jedoch zu Frustration und einer armseligen Ausführung der Aufgabe. Wir brauchen die Chance, alle Optionen auszuprobieren und Fehler zu machen, sonst lernen wir nichts! Verbesserungen entstehen durch Variationen! Das ist eines der Hauptprinzipien der Feldenkrais-Arbeit! Wenn zum Beispiel ein Kind Schwierigkeiten hat, zwischen A und O zu unterscheiden, dann bringt es wenig, immer nur auf genau diesen beiden Buchstaben herumzureiten. Man muss auch andere Buchstaben dazu geben, sie verdrehen und auf den Kopf stellen und vieles mehr. Entscheidend ist es, spielerisch das Interesse zu wecken und sich dem Ziel aus vielen verschiedenen Richtungen zu nähern. Irgendwann wird das Kind anfangen Buchstaben zu unterscheiden! – Aber in der Schule wird auch heute noch häufig bloß auf dem einen »richtigen« Lösungsweg beharrt.

Wenn wir also etwas an der Art und Weise unseres Handelns verändern, Schwierigkeiten überwinden oder etwas Neues lernen wollen, empfiehlt es sich, jene Strategie anzuwenden, die wir als Kind perfekt beherrschten: spielen! Zu spielen ist eine vergnügliche, leichte, angenehme Form des Experimentierens und Variierens, um das Gehirn anzuregen, neue Lösungen für möglicherweise Altbekanntes zu finden. Ein gesundes Kind generiert spontan seine eigenen Variationen! Aber wenn wir älter werden, hören wir auf Variationen zu suchen und geraten deshalb immer mehr in Schwierigkeiten! Das macht einen großen Teil des Alterungsprozesses aus! Abwechslung ist insofern nicht nur die Würze des Lebens, sondern auch die Quelle der Lebendigkeit.

Ich erinnere mich an eine Anekdote, die ein Trainer während meiner Feldenkrais-Ausbildung erzählte: Als Moshé Feldenkrais einmal gefragt wurde, was die richtige Art sei, Liebe zu machen, erklärte er: „Mach es einmal wie ein Stier, einmal wie eine Eidechse, einmal wie ein Panther, einmal wie ein Zebra… – er zählte etwa zwölf verschiedene Tiere auf – „ …und danach wirst du wissen, was die menschliche Art und Weise ist!

Advertisements

Leichtigkeit oder die Kunst, Kraft intelligent einzusetzen

Wenn wir irgendeine Fähigkeit verbessern wollen, wenden wir zunächst meistens reflexartig mehr Kraft an. Wir strengen uns an, beißen die Zähne zusammen, versuchen durch mehr physische Leistung ein besseres Resultat zu erzwingen oder es uns zu „verdienen“. In den meisten Fällen wäre es aber vor allem erforderlich, genauer zu verstehen, wie wir die Handlung ausführen, um eine effektivere Koordination zu finden.

IMG_2202

Wenn wir beispielsweise beim Tennisspiel versuchen einen besseren Aufschlag zu erreichen, wird es nicht genügen einfach fester draufzuhauen. Der gesamte Bewegungsablauf muss anders koordiniert werden, um alle beteiligten Handlungselemente optimaler aufeinander abzustimmen. Das kann nur gelingen, wenn wir zunächst die Kraft reduzieren und auf die Zusammenhänge in uns selbst horchen, während wir uns bewegen. Schließlich können wir auf diese Weise sogar mehr Kraft generieren weil sie wirkungsvoller durch den Arm geleitet wird, wenn wir uns insgesamt besser organisieren.

Moshé Feldenkrais bezog sich häufig auf das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz, welches besagt, dass die Stärke von Sinneseindrücken logarithmisch zur Intensität des physikalischen Reizes verläuft – einfacher ausgedrückt: Je weniger Kraft wir benutzen, desto mehr können wir wahrnehmen. Durch die Wahrnehmung von Unterschieden erzeugt das Gehirn neue Informationen, die es für die Steuerung des Organismus braucht. Die moderne Hirnforschung bestätigt Feldenkrais Annahme, dass die Fähigkeit, immer feinere Differenzierungen vornehmen zu können, uns Menschen nahezu unendlich lern- und entwicklungsfähig macht. Auch unsere Vitalität scheint aufs intimste mit der Fähigkeit des Gehirns verknüpft zu sein, subtile Unterschiede bemerken zu können.

Scheinbar paradoxer Weise, ist die Wahrnehmung feinster Unterschiede gerade bei besonders spektakulären Aktivitäten, wie beispielsweise Hochgebirgsklettern, Autorennen fahren oder Kampfkunst sogar überlebenswichtig, da gegebenenfalls winzige Veränderungen in der Umgebung eine sofortige Reaktion erfordern. Hier taucht ein interessanter Zusammenhang auf: Ein häufig übersehener Faktor der »Krieger-Mentalität« in den fernöstlichen Kampfkünsten ist die Eleganz! Eleganz hat mit Leichtigkeit zu tun und kommt von der Fähigkeit, während des Handelns zu fühlen, was in und um einen herum geschieht, um unmittelbar auf Veränderungen reagieren zu können. Dies lässt sich bei guten Kampfkünstlern ebenso wie bei herausragenden Sportlerinnen, Schauspielern, Tänzerinnen oder sonstigen Meistern ihres Faches beobachten. Das Gegenteil davon ist exzessiver Kraftgebrauch, den viele für nötig halten, um etwas zu erreichen oder besonderen Eindruck zu hinterlassen. Aber nur wer seinen Krafteinsatz souverän beherrscht, kann ganz präsent und reaktionsfähig sein und einen wirklich starken Eindruck hinterlassen. Voraussetzung dafür ist Leichtigkeit – eine Kunst, die lebenslanger Praxis bedarf.

Wenn du Lust hast, probiere folgendes aus:

  • Reduziere bei einer beliebigen Alltagstätigkeit oder beim Training einer Sportart die Kraft um 90% ! – Nimm wahr, was übrig bleibt! Bewegst du dich noch? Wie fühlt es sich an? Welche Wahrnehmungen über die Qualität und die Koordination deiner Bewegung tauchen auf? Setz dann wieder etwas mehr Kraft ein. Spiele mit unterschiedlichem Krafteinsatz. Entdeckst du vielleicht Gewohnheiten, die mit übermäßigem Kraftaufwand zu tun haben? Erforsche auf diese Weise viele verschiedene Handlungen und finde heraus, welcher Kraftgebrauch der Sache am besten entspricht.
  • Was passiert, wenn du die Absicht hast, eine Handlung ganz elegant auszuführen? Was für ein Körpergefühl stellt sich ein? Wie setzt du deine Kraft ein? Probiere dann auch das Gegenteil aus, führe die gleiche Handlung ungelenk und steif aus. Kehre wieder zurück zur eleganten Variante. Erforsche diese Vorgehensweise anhand verschiedener Tätigkeiten wie Staubsaugen, den Tisch decken oder Einkäufe im Regal verstauen etc.

Wenn du etwas über weitere Feldenkrais Arbeitsprinzipien der Feldenkrais-Methode lesen möchtest, klicke hier oder geh in der Kategoriewolke auf Arbeitsprinzipien.

Langsamkeit

Mae West: „Wenn es wert ist, getan zu werden, dann ist es wert langsam getan zu werden!“

Wandtafel_Langsam

Geschwindigkeit scheint der alles bestimmende Faktor unserer Zeit zu sein. Als „gut“ gilt, wer als erster ans Ziel kommt oder was im Handumdrehen gelingt. Alles muss schnell gehen, von der Fortbewegung über die Kommunikation mit Internet, Telefon oder Handy bis hin zum Essen. Wir sind dermaßen daran gewöhnt, alles möglichst ohne Verzögerung zu bekommen und zu erledigen, dass Langsamkeit schon einen negativen Beigeschmack bekommen hat. Mit Langsamkeit assoziieren wir Langeweile, Begriffsstutzigkeit, Trägheit, Dummheit, nervendes Warten und vieles mehr.

Lern- und Entwicklungsprozesse sind jedoch nicht im Handumdrehen zu vollziehen. Es ist sogar umgekehrt: Schnelligkeit und Eile oder gar Hast stehen ihnen im Wege oder verhindern sie gänzlich. Wann immer wir etwas Neues lernen, ist Langsamkeit eine unabdingbare Voraussetzung.

Selbstverständlich ist die Fähigkeit, Dinge schnell tun zu können, im Alltag unerlässlich und wunderbar. Es ist aber wichtig, zu wissen, dass wir nur das schnell tun können, was wir bereits häufig getan haben und gut kennen. Das Gehirn funktioniert dabei automatisiert und benutzt tief eingeprägte Muster. Es gibt keinen Platz für Neues.

Hingegen, wenn wir etwas sehr langsam tun, erregen wir die Aufmerksamkeit des Gehirns und geben ihm die Chance, feine Unterschiede wahrzunehmen, neue Verbindungen zu knüpfen und den ganzen Handlungsablauf neu zu koordinieren. Langsamkeit ermöglicht es uns, zu fühlen, was geschieht und wie es geschieht, sie ermöglicht es uns, Unterscheidungen wahrzunehmen und Neues zu entdecken. Durch Langsamkeit füttern wir das Gehirn mit jenen sensorischen Informationen, die es benötigt, um optimal funktionieren und neue Bewegungs-, Gedanken- und Beziehungsmuster bilden zu können.

Da Feldenkrais-Stunden keine besondere Art der Gymnastik sind, sondern darauf abzielen, stimmige Verhältnisse für die komplexen Prozesse unserer Verhaltensteuerung zu schaffen, ist es für die Wirksamkeit der Stunden zwingend notwendig, die vorgeschlagenen Bewegungen möglichst langsam auszuführen. Dann ist es möglich, das Zusammenspiel aller Elemente, die an einer Handlung beteiligt sind, organisch zu verbessern.

Vielleicht hast du Lust, die folgenden Übungen für den Alltag auszuprobieren:

  1. Mach regelmäßig Langsamkeits-Pausen! Nimm dir beispielsweise jeden Tag eine Tätigkeit von etwa zehn Minuten vor, die du wirklich langsam ausführst! Horche dabei auf deine Gedanken, Gefühle und Empfindungen, nimm wahr wie du atmest und wo du dich anstrengst.
  2. Wenn etwas schwierig ist, nutze die Gelegenheit als Erinnerung daran, langsamer zu werden, statt dich mehr anzustrengen (wie es vielleicht deiner Gewohnheit entsprechen würde).
  3. Wenn etwas sehr schnell gehen muss, bremse dein Tempo und vermeide jegliche Hast! Das kann eine gewaltige Herausforderung für die eigenen Gewohnheiten sein, aber auch eine lohnende paradoxe Intervention, gemäß dem Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach langsam!

Das Judo-Prinzip

Moshé Feldenkrais war zwanzig Jahre seines Lebens ein passionierter Judoka. Judo prägte sein Leben und seine Methode nachhaltig. Man darf ruhig behaupten: ohne Judo wäre die Feldenkrais-Methode undenkbar. Auf Deutsch heißt Judo in etwa „sanfter Weg“. Es geht in dieser Kampfkunst darum, mit seinen Kräften zu haushalten und sie so geschickt wie möglich zu gebrauchen, um eine maximale Wirkung zu erzielen.

©International Feldenkrais® Federation Archive

©International Feldenkrais® Federation Archive

Auf mich machte bei der ersten Begegnung mit der Feldenkrais-Methode ein Prinzip, das ganz offensichtlich aus dem Judo stammt, besonderen Eindruck – und es scheint mir bis heute eigentlich das Wesentlichste: Wenn du bei einer Handlung einen Widerstand oder eine behindernde Anspannung spürst, kämpfe nicht dagegen an, sondern nimm den Widerstand wahr, studiere ihn und folge ihm. Als Resultat davon verschwindet er häufig oder er verwandelt sich und es eröffnen sich neue Möglichkeiten, sich selbst wahrzunehmen, sich zu bewegen oder zu handeln.

Diese Vorgehensweise entspricht in etwa dem, was in der Psychologie als Paradoxe Intervention bekannt ist. Im Judo heißt dieses Prinzip Siegen durch Nachgeben.

Der Legende nach geht diese Idee auf den im 16. Jahrhundert lebenden japanischen Arzt Akiyama Shirobei zurück, der in China Medizin und die Kunst der Selbstverteidigung studiert hatte. Wieder in Japan, zog er sich in einen Tempel zurück. Es war Winter und es schneite außerordentlich viel. Shirobei betrachtete die Bäume und ihm fiel auf, dass viele Äste unter der Last des Schnees brachen, nur die Äste des Weidenbaums waren elastisch genug, um nachgeben zu können und den Schnee abgleiten zu lassen. Auf Grund dieser Beobachtung soll Shirobei das Prinzip des „Ju“ – des Nachgebens – in die Kampfkunst eingeführt haben. Pauschal gesagt, geht es darum, einen Angreifer zu bezwingen, indem man nachgibt und mit dessen Kraft mitgeht, um sie unschädlich zu machen.

Moshé Feldenkrais benutzte dieses Prinzip als Grundlage für seine Methode. In der Einzelarbeit Funktionale Integration wird nichts erzwungen. Man geht immer mit dem, was da ist, unterstützt das vorhandene Bewegungsmuster, nimmt dessen Richtung auf und leitet sie in neue, ungewohnte Bahnen um und sucht viele alternative Wege für sie. Der Feldenkrais-Trainer Dennis Leiri nannte diese Strategie: „Für das Symptom argumentieren“.

Das Prinzip des Nachgebens hat natürlich nicht nur für die Arbeit mit dem Körper Gültigkeit, Es kann eine umfassende Dimension gewinnen, wenn man es auf sein ganzes Leben anwendet. In einer häufig zitierten Aussage erhebt Moshé Feldenkrais dieses Prinzip zu einer Handlungs-Maxime und einem Ausdruck höchster Lebensweisheit: „Finde deine wahre Schwäche und kapituliere vor ihr. Darin liegt der Weg zum Genie. Die meisten Leute verbringen ihr Leben, indem sie ihre Kraft damit vergeuden, ihre Schwächen zu überwinden oder zu verdecken. Jene Wenigen, die ihre Kräfte nutzen, um ihre Schwächen zu verkörpern, die sich selbst nicht spalten, sind sehr selten. Es gibt in jeder Generation ein paar davon und oft führen sie ihre Generation an.“  

Auf das eigene Leben übertragen: Was bedeutet das für dich selbst? Die Antworten darauf müssen immer wieder neu gefunden werden. Wenn  man ihnen folgt ergibt sich daraus ein lebenslanger Weg.

Hingabe

Was ist der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen? Was sind typische Qualitäten bei kleinen Kindern? Ein paar spontane Assoziationen ergeben bereits eine lange Liste:  Kinder sind neugierig und bereit Dinge auszuprobieren, sie bewegen sich sehr viel und sehr gerne, sie sind spontan, spielerisch, oft angstfrei, nicht zu stoppen, ganz und gar bei der Sache, begeistert, enthusiastisch, total präsent… diese Aufzählung könnte noch ziemlich lange so weiter gehen.

Die genannten Qualitäten sind bei Erwachsenen oft eingeschränkt, blockiert oder verschüttet. Dabei sind es genau diese Eigenschaften, die unser Gehirn benötigt, um seinen Job gut zu machen!

Tafel Lernmodus_DSCN7600

Anat Baniel – eine langjährige Schülerin von Moshé Feldenkrais – sagt, wir müssen als Erwachsene den Lernschalter wieder einschalten! Natürlich gibt es in unserem Gehirn nicht wirklich einen Schalter, aber das Gehirn kann in zwei verschiedenen Funktionsweisen arbeiten: in einem Lernzustand oder in einem Nicht-Lernzustand. Als wir kleine Kinder waren, befand sich unser Gehirn in einem Lernmodus, der fast immer eingeschaltet war, wenn wir wach waren. Alles was geschah, jede Erfahrung die wir machten, veränderte uns, da wir mit allen Sinnen bei der Sache waren, uns faszinieren ließen und uns allem, womit wir beschäftigt waren, mit Haut und Haar hingaben. So war unser Gehirn in der Lage, die Informationen aufzusaugen, die es brauchte, um optimal arbeiten zu können.

Aufgrund von häufiger Wiederholung, Drill, Alltagsstress und Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Handeln, tendieren wir als Erwachsene dazu, den Lernschalter immer häufiger auszuschalten oder sein Volumen herunter zu dimmen. Dann kann eine Menge passieren, ohne dass wir das Geringste daraus lernen.

Die Feldenkrais Arbeit zielt auf einen organischen Lernprozess, der persönliche Veränderung mit sich bringt. Dies kann nur geschehen, wenn wir uns im Lernmodus befinden und uns auf die vorgeschlagenen Bewegungsexperimente mit gesteigerter Neugierde und mit Hingabe einlassen. Um organisch zu lernen, müssen wir jeden Moment als einzigartig betrachten. Diese Erfahrung ist in gewisser Weise sehr intim, da sie verlangt, uns mit unserem ganzen Selbst einzubringen, mit all unseren Gedanken, unseren Überzeugungen und der Art wie wir fühlen und uns bewegen – letztlich auch mit unserer ganzen Verletzlichkeit. Wenn wir uns darauf einlassen, machen wir mit unserem Gehirn etwas qualitativ anderes, als wir normalerweise tun! Statt ihm etwas  aufzuzwingen, gestatten wir ihm, etwas Neues zu erschaffen! So ermöglichen wir, dass uns die gemachten Erfahrungen transformieren können und wir uns entwickeln.

 

 

 

Achtsamkeit

Alles, was wir tun, fühlen, denken und lernen hat seine Wurzel in Bewegung! Moshé Feldenkrais formulierte sehr radikal: „Bewegung ist Leben. Ohne Bewegung ist Leben undenkbar“ und führende Neurobiologen sagen, Bewegung sei die Sprache des Gehirns.

Es gibt allerdings zweierlei Arten, sich zu bewegen: Automatisierte Bewegung und Bewegung, die mit Achtsamkeit ausgeführt wird. Diesen Unterschied zu verstehen, kann der Schlüssel sein, um Einschränkungen, Schwierigkeiten und zuweilen sogar Schmerzen zu überwinden.

DSCN8051Beide Arten von Bewegung sind wichtig und lebensnotwendig. Automatisierte Bewegung erlaubt es uns, viele Handlungen des täglichen Lebens auszuführen wie beispielsweise zu gehen, zu sprechen, zu kochen, zu schreiben, Auto zu fahren und Unzähliges mehr. Wenn wir jedoch Schwierigkeiten überwinden, bestehende Bewegungsgewohnheiten verändern oder eine neue Fertigkeit erlernen wollen, müssen wir unsere volle Aufmerksamkeit auf die Qualität der Bewegung richten und auf das sensorische Feedback horchen, das von den peripheren Rezeptoren in den Gelenken, den Faszien, den Muskeln und der Haut zurück ans zentrale Nervensystem gesendet wirdBewegung „einfach nur so“, ohne auf die Ausführung zu achten, hat wenig Wirkung, wie neuro-wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. Je automatischer Bewegungen ausgeführt werden, desto weniger können sie den natürlichen Drang des Gehirns nach Entwicklung befriedigen. Wenn wir in Schwierigkeiten sind und uns einfach drauflos bewegen, können wir uns sogar noch viel mehr in Schwierigkeiten bringen.

Wenn wir uns hingegen nur ein paar Sekunden Zeit nehmen und anfangen, auf das zu achten, was wir tun, und fragen: Wo befinden sich die Füße, was machen die Wirbelsäule, die Rippen, der Kopf etc. dann beginnt ein völlig anderer Prozess im Gehirn. Wenn wir dies tun, beginnt unser Gehirn tatsächlich sehr schnell, unzählige neue Verbindungen zu knüpfen und damit neue Bewegungsmöglichkeiten zu generieren. Das menschliche Gehirn organisiert sich buchstäblich mittels Bewegung und die, durch Achtsamkeit gewonnenen, sensorischen Informationen dienen dabei als Treibstoff. Diese Veränderungen der Hirnaktivität können schnell zu klarerem Denken, leichteren Bewegungen, weniger Schmerz und wirkungsvolleren Handlungen führen. Mit einem so systematischen Vorgehen, wie es die Feldenkrais-Methode ermöglicht, können sogar allmählich Handlungen möglich werden, die wir früher für unmöglich gehalten haben.

Das Prinzip „Bewegung + Achtsamkeit“ kann auf jede beliebige Bewegung angewandt werden, sei es im Alltag bei Routinetätigkeiten wie Staubsaugen, Zähneputzen oder Abwaschen, sei es beim Training einer Sportart, beim Yoga oder sogar beim Workout.

Probiere es aus!

 

Acht Schlüssel-Prinzipien der Feldenkrais-Methode

Die Wirkungsweise der Feldenkrais-Methode beruht darauf, dass wir anhand von Bewegung mit dem Gehirn interagieren und es dazu anregen, neue Muster zu bilden. Wir nutzen in der Feldenkrais-Methode Bewegung, aber im Gegensatz zu vielen anderen Methoden, benutzen wir sie nicht mit der Absicht, Muskeln zu dehnen oder zu trainieren, sondern Veränderungen im Gehirn herbei zu führen. Es gibt einen natürlichen Drang des Gehirns sich zu entwickeln und immer präziser, wirksamer und angemessener mit der Umwelt zu interagieren. Dieser natürliche Prozess wird heute unter dem Begriff Neuroplastizität immer bekannter: Die Fähigkeit des Gehirns, jederzeit neue Verbindungen zu knüpfen – seine eigentliche Aufgabe ein Leben lang.

Acht-Arbeitsprinzipien für Bewusstheit durch Bewegung

Acht-Arbeitsprinzipien für Bewusstheit durch Bewegung

Damit das Gehirn seine Arbeit gut verrichten kann, müssen wir es mit den entsprechenden Informationen versorgen. Wenn wir die folgenden acht Schlüssel-Prinzipien in Verbindung mit Bewegung anwenden, beliefern wir es mit jenen sensorischen Informationen, die es benötigt, um aufzuwachen, zu wachsen und neue Bewegungs-, Gefühls-, Denkmuster zu bilden. Dadurch können wir allmählich gewohnheitsbedingte Einschränkungen und Schmerzen überwinden sowie das Spektrum der individuellen Handlungsfähigkeit erweitern und verfeinern. Darüber hinaus entwickeln wir die nötigen Mittel, um unsere natürliche Beweglichkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Moshé Feldenkrais nannte seine Gruppenarbeit »Bewusstheit durch Bewegung«. Bewusstheit ist unsere Fähigkeit, zu wissen, dass wir wissen, unsere Fähigkeit, uns selbst zu beobachten. Bewusstheit ist ein essentieller Grundbaustein für Selbsterkenntnis und unverzichtbar für wirkliches, tiefgreifendes Lernen. Wenn wir ohne Bewusstheit handeln, handeln wir automatisch und wissen manchmal nicht einmal, dass wir etwas tun. Aber,frei nach Moshé Feldenkrais: Nur wenn wir wissen, was wir tun, können wir tun, was wir wollen. Es ist wie eine Landkarte – unsere eigene innere Lebenslandkarte.

Wenn wir diese Arbeitsprinzipien auf unsere Bewegungen anwenden, erreichen wir genau dies: Bewusstheit durch Bewegung.

In den nächsten Monaten werde ich auf dieser Seite die einzelnen Prinzipien näher vorstellen. Klicke in der Kategorien-Wolke auf Arbeitsprinzipien, um weitere Artikel zu dem Thema zu finden.