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Intelligenter Krafteinsatz aus der Körpermitte

Anläßlich des Workshops »Kraft aus der Mitte« am 24. Juni 2017, habe ich einen älteren Artikel zum selben Thema überarbeitet. Es ist so zentral für die Feldenkrais-Methode, dass sich die Beschäftigung damit immer wieder lohnt!

„Die Beckengegend ist der Grundstein aller Bewegung und somit Grundlage des Lebens (…). Sie muss frei sein von Zwang und Starre, frei, sich buchstäblich nach allen Richtungen zu bewegen. (…) Sie ist es, die den Körper in jeder Handlung gleichsam abbildet.“ – (Moshé Feldenkrais, Das Starke Selbst, Suhrkamp 1992, S. 266/267).

Moshé Feldenkrais war nicht nur Ingenieur und Wissenschaftler, er war auch dreißig Jahre seines Lebens ein passionierter Kampfkünstler (Jiu-Jitsu und Judo). Seine eigene Methode ist von den Prinzipien und der Weisheit fernöstlicher Bewegungskunst inspiriert und durchdrungen. Sehr knapp zusammengefasst kann man sagen, dass Judo ein Destillat von Jahrtausende altem Erfahrungswissen darüber ist, wie sich Menschen unter schwierigsten Bedingungen optimal bewegen können.

Als Ingenieur war es für Feldenkrais leicht zu erkennen, wie im Judo während eines Bewegungsablaufs die Prinzipien der Mechanik auf den menschlichen Körper wirken. Dabei spielen zwei Hauptideen eine wichtige Rolle: Die Kraftübertragung durch das Skelett und die Bedeutung der Körpermitte.

Bei der Idee, dass sich Kraft durch das Skelett fortbewegt, fungieren die Knochen sozusagen als Eisenbahnschienen, über welche die Kraft durch den Körper reisen kann. Jedes Mal, wenn man sich bewegt, generiert man Kräfte, die durch Knochen und Gelenke hindurch geleitet werden. Selbst wenn man sich nicht bewegt, drückt die Schwerkraft durch das Skelett hinunter in den Boden – und wenn sich die Knochen in der richtigen Stellung befinden, stößt es einen zurück nach oben. Diese Art der Kraftübertragung funktioniert auch, wenn man eine Tür öffnet, seine Schuhe auszieht oder einen Kinderwagen schiebt.

Die Körpermitte ist aus biomechanischer Sicht jene Region, welche die größte
Knochenmasse aufweist: Das Becken. Es bildet das Gravitationszentrum des Körpers. Wenn dieser Bereich sich bewegt, muss alles andere folgen. Umgekehrt ist es für die anderen Körperteile schwer, diese große Struktur in Bewegung zu setzen. Als Bild kann man sich eine  eine mittelalterliche Fußschelle vorstellen, die aus einer Eisenkugel bestand, an der eine Kette befestigt war. Es ist offensichtlich, dass man an der Kette herumrütteln kann, ohne dass die Kugel sich groß bewegt. Wenn man allerdings die Kugel bewegt, muss sich auch die Kette bewegen! Übertragen auf den Körper entspricht die Kugel dem Becken und die Kette der Wirbelsäule.

Auch die größten Muskeln sind um das Becken herum gruppiert. Hier bietet sich das Bild eines Seesterns an: in der Mitte groß, an den Enden klein. Ebenso verhält es sich mit der Muskulatur: die kleinsten Muskeln sind an der Peripherie, die größten in der Mitte. Wenn wir uns effizient bewegen wollen, müssen die größten und stärksten Muskeln die größte Arbeit vollbringen. Die kleinen Muskeln hingegen sind dazu da, die Bewegung zu leiten und zu lenken, nicht sie zu erzeugen.

Ein anderer Aspekt der Körpermitte ist die Idee eines energetischen Zentrums, welche ebenfalls aus den fernöstlichen Bewegungskünsten stammt. Dieses Zentrum befindet sich in der Region des Unterbauches, etwa drei Fingerbreit unterhalb des Bauchnabels. Es gilt als Sitz der Lebensenergie – des Qi (Chin.) oder Ki (jap.). Diese Region spielt in vielen Kulturen eine zentrale Rolle und ist unter verschiedenen Namen bekannt: Auf Japanisch heißt sie Hara oder Tanden, in der Chinesischen Medizin handelt es sich um das untere Dantian und im indischen Yoga entspricht sie in etwa dem Sakralchakra, dem zweiten der sieben Hauptchakren.

Moshé Feldenkrais ging als westlich geprägter Wissenschaftler sehr vorsichtig mit dem Begriff der Energie um. Er geht auf diesen zweiten Aspekt der Körpermitte nur indirekt ein. So gibt er in einigen seiner Stunden die Anweisung, alles mit der Vorstellung zu tun, das ganze Selbst sei im Bereich des unteren Bauches lokalisiert oder der Impuls zu jeglicher Handlung solle von dort ausgehen. Ihm ging es um eine potentielle Handlungsbereitschaft und Präsenz in der Region des unteren Bauches, die – wenn sie erreicht wird – ganz automatisch einen vitalen Fluss der Lebenskräfte gewährleistet. In seinem Buch „Das starke Selbst“ schreibt er:

Der untere Unterleib muss frei von absichtlichen Spannungen sein. Er ist gefüllt, gleichsam annähernd prall, d.h. man glaubt förmlich sehen zu können, wie das Gewicht der Eingeweide gegen die Bauchwand wiegt. – (Moshé Feldenkrais, Das Starke Selbst, Suhrkamp 1992, S. 249)

Als Metapher für dieses Gefühl des Gefülltseins im unteren Bauch kann man sich den Bauch eines zentriert und gelassen dasitzenden Buddhas vorstellen, dessen Schwerpunkt tief im Becken liegt und der nicht mehr physische Kraft aufwendet, als unbedingt nötig ist.

Experiment #1: Leg dich auf den Rücken, stelle deine Beine auf und leg deine Hände entspannt auf den unteren Bauch. Huste mehrmals! Beobachte, was der untere Unterleib macht. Kannst du diese Bewegung auch ohne zu husten erzeugen? Aber Achtung: Mach es mit größtmöglicher Leichtigkeit und Sanftheit. Es ist keine Kraftübung!

Experiment #2: Heb die Arme mit der Vorstellung, du würdest eine Axt zum Holzhacken benutzen. Du schwingst die imaginäre Axt über den Kopf und dann beobachte genau den Moment, in dem du die Bewegungsrichtung umkehrst, um die imaginäre Axt nach vorne und unten zu schmettern. Was machst du mit dem Unterbauch?

Zusammenfassung:

Das Becken sollte das Rückgrat tragen und der Kopf oben balancieren, wie der Teller auf dem Ende des Bambusstabes eines chinesischen Jongleurs. Alle anderen Körperteile hängen an der Wirbelsäule! Das Becken trägt das Ganze. Wirksames Handeln ist nur möglich, wenn sich das Becken in all seinen Gelenken frei bewegen kann und der Unterleib frei von überflüssiger Spannung ist. Sobald eine der möglichen Beckenbewegungen eingeschränkt wird, wird der Fluss der Handlungen unterbrochen und es bedarf großer Anstrengung im Schultergürtel, im Nacken oder in den Beinen, um das zu tun, was bei ungehindertem Becken leicht ausgeführt werden könnte.

Wer Lust hat, diese Einsichten praktisch zu erleben und anzuwenden, hat dazu am 24. Juni 2017 Gelegenheit, anlässlich des Tagesseminars „Kraft aus der Mitte“ im Bewegungsatelier, Leipzig.

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Leichtigkeit oder die Kunst, Kraft intelligent einzusetzen

Wenn wir irgendeine Fähigkeit verbessern wollen, wenden wir zunächst meistens reflexartig mehr Kraft an. Wir strengen uns an, beißen die Zähne zusammen, versuchen durch mehr physische Leistung ein besseres Resultat zu erzwingen oder es uns zu „verdienen“. In den meisten Fällen wäre es aber vor allem erforderlich, genauer zu verstehen, wie wir die Handlung ausführen, um eine effektivere Koordination zu finden.

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Wenn wir beispielsweise beim Tennisspiel versuchen einen besseren Aufschlag zu erreichen, wird es nicht genügen einfach fester draufzuhauen. Der gesamte Bewegungsablauf muss anders koordiniert werden, um alle beteiligten Handlungselemente optimaler aufeinander abzustimmen. Das kann nur gelingen, wenn wir zunächst die Kraft reduzieren und auf die Zusammenhänge in uns selbst horchen, während wir uns bewegen. Schließlich können wir auf diese Weise sogar mehr Kraft generieren weil sie wirkungsvoller durch den Arm geleitet wird, wenn wir uns insgesamt besser organisieren.

Moshé Feldenkrais bezog sich häufig auf das sogenannte Weber-Fechner-Gesetz, welches besagt, dass die Stärke von Sinneseindrücken logarithmisch zur Intensität des physikalischen Reizes verläuft – einfacher ausgedrückt: Je weniger Kraft wir benutzen, desto mehr können wir wahrnehmen. Durch die Wahrnehmung von Unterschieden erzeugt das Gehirn neue Informationen, die es für die Steuerung des Organismus braucht. Die moderne Hirnforschung bestätigt Feldenkrais Annahme, dass die Fähigkeit, immer feinere Differenzierungen vornehmen zu können, uns Menschen nahezu unendlich lern- und entwicklungsfähig macht. Auch unsere Vitalität scheint aufs intimste mit der Fähigkeit des Gehirns verknüpft zu sein, subtile Unterschiede bemerken zu können.

Scheinbar paradoxer Weise, ist die Wahrnehmung feinster Unterschiede gerade bei besonders spektakulären Aktivitäten, wie beispielsweise Hochgebirgsklettern, Autorennen fahren oder Kampfkunst sogar überlebenswichtig, da gegebenenfalls winzige Veränderungen in der Umgebung eine sofortige Reaktion erfordern. Hier taucht ein interessanter Zusammenhang auf: Ein häufig übersehener Faktor der »Krieger-Mentalität« in den fernöstlichen Kampfkünsten ist die Eleganz! Eleganz hat mit Leichtigkeit zu tun und kommt von der Fähigkeit, während des Handelns zu fühlen, was in und um einen herum geschieht, um unmittelbar auf Veränderungen reagieren zu können. Dies lässt sich bei guten Kampfkünstlern ebenso wie bei herausragenden Sportlerinnen, Schauspielern, Tänzerinnen oder sonstigen Meistern ihres Faches beobachten. Das Gegenteil davon ist exzessiver Kraftgebrauch, den viele für nötig halten, um etwas zu erreichen oder besonderen Eindruck zu hinterlassen. Aber nur wer seinen Krafteinsatz souverän beherrscht, kann ganz präsent und reaktionsfähig sein und einen wirklich starken Eindruck hinterlassen. Voraussetzung dafür ist Leichtigkeit – eine Kunst, die lebenslanger Praxis bedarf.

Wenn du Lust hast, probiere folgendes aus:

  • Reduziere bei einer beliebigen Alltagstätigkeit oder beim Training einer Sportart die Kraft um 90% ! – Nimm wahr, was übrig bleibt! Bewegst du dich noch? Wie fühlt es sich an? Welche Wahrnehmungen über die Qualität und die Koordination deiner Bewegung tauchen auf? Setz dann wieder etwas mehr Kraft ein. Spiele mit unterschiedlichem Krafteinsatz. Entdeckst du vielleicht Gewohnheiten, die mit übermäßigem Kraftaufwand zu tun haben? Erforsche auf diese Weise viele verschiedene Handlungen und finde heraus, welcher Kraftgebrauch der Sache am besten entspricht.
  • Was passiert, wenn du die Absicht hast, eine Handlung ganz elegant auszuführen? Was für ein Körpergefühl stellt sich ein? Wie setzt du deine Kraft ein? Probiere dann auch das Gegenteil aus, führe die gleiche Handlung ungelenk und steif aus. Kehre wieder zurück zur eleganten Variante. Erforsche diese Vorgehensweise anhand verschiedener Tätigkeiten wie Staubsaugen, den Tisch decken oder Einkäufe im Regal verstauen etc.

Wenn du etwas über weitere Feldenkrais Arbeitsprinzipien der Feldenkrais-Methode lesen möchtest, klicke hier oder geh in der Kategoriewolke auf Arbeitsprinzipien.

Kraft aus der Mitte

Beim Erarbeiten des Tagesworkshops „Kraft aus der Mitte“ habe ich mich (wieder einmal) intensiv mit Moshé Feldenkrais Buch „Das starke Selbst“ beschäftigt. Seine Ideen über die Körper-Mitte waren für mich von Anfang an etwas vom Faszinierendsten an seiner Methode.

 „Die Beckengegend ist der Grundstein aller Bewegung und somit Grundlage des Lebens (…). Sie muss frei sein von Zwang und Starre, frei, sich buchstäblich nach allen Richtungen zu bewegen. (…) Sie ist es, die den Körper in jeder Handlung gleichsam abbildet“

(Moshé Feldenkrais, Das Starke Selbst, Suhrkamp 1992, S. 266/267).

Moshé Feldenkrais –war nicht nur Ingenieur und Wissenschaftler, er war auch dreißig Jahre seines Lebens ein passionierter Kampfkünstler (Jiu-Jitsu und Judo). Seine eigene Methode ist von den Prinzipien und der Weisheit fernöstlicher Bewegungskunst inspiriert und durchdrungen. Sehr knapp zusammengefasst kann man sagen, dass Judo ein Destillat von Jahrtausende altem Erfahrungswissen darüber ist, wie sich Menschen unter den denkbar schwierigsten Bedingungen so gut bewegen können wie es irgend möglich ist.

Als Ingenieur war es für Feldenkrais leicht zu erkennen, dass im Judo die Prinzipien der Mechanik in einer Weise auf den menschlichen Körper angewendet werden, welche es gestattet, sich optimal zu bewegen. Dabei spielen zwei Hauptideen eine wichtige Rolle: Die Kraftübertragung durch das Skelett und die Wichtigkeit der Körpermitte.

Bei dem Prinzip, wie sich Kraft durch das Skelett fortbewegt bildet das Skelett quasi die Eisenbahnschienen, über welche die Kraft durch den Körper reist. Jedes Mal, wenn man sich bewegt, generiert man Kräfte, die durch Knochen und Gelenke hindurch geleitet werden. Selbst wenn man sich nicht bewegt, hängt man von diesen Kräften ab. Die Schwerkraft drückt durch das Skelett hinunter in den Boden – und wenn das Skelett sich in der richtigen Stellung befindet, stößt es einen zurück nach oben. Diese Art der Kraftübertragung funktioniert auch, wenn man eine Tür öffnet, seine Schuhe auszieht oder einen Kinderwagen schiebt etc.

Aus biomechanischer Sicht handelt es sich bei der Körpermitte um die Region mit der größten Knochenmasse. Das Becken ist das Gravitationszentrum des Körpers. Wenn man sich eine Kugel mit einer Kette denkt (z.B. eine altmodische Fußschelle, die aus einer Eisenkugel bestand, an der eine Kette befestigt war), dann ist offensichtlich, dass man an der Kette herumrütteln kann soviel man will, die Kugel bewegt sich nicht. Wenn man allerdings die Kugel bewegt, dann muss sich auch die Kette bewegen! Übertragen auf den Körper entspricht die Kugel dem Becken und die Kette der Wirbelsäule.

Auch die größten Muskeln sind um das Becken herum gruppiert. Das lässt sich mit einem Seestern vergleichen: in der Mitte groß, an den Enden klein. Ebenso verhält es sich mit der Muskulatur, die kleinsten Muskeln sind an der Peripherie, die größten in der Mitte. Wenn wir uns effizient bewegen wollen, müssen die größten und stärksten Muskeln die größte Arbeit vollbringen. Die kleinen Muskeln hingegen sind dazu da, die Bewegung zu leiten und zu lenken, nicht sie zu erzeugen.

Ein anderer Aspekt der Körpermitte ist die Idee eines energetischen Zentrums, die ebenfalls aus den fernöstlichen Bewegungskünsten stammt. Dieses Zentrum befindet sich in der Region des Unterbauches, etwa drei Fingerbreit unterhalb des Bauchnabels. Es gilt als Sitz der Lebensenergie – des Qi (Chin.) oder Ki (jap.). Diese Region spielt in vielen Kulturen eine zentrale Rolle und ist unter verschiedenen Namen bekannt: Auf Japanisch heißt sie Hara oder Tanden, in der Chinesischen Medizin handelt es sich um das untere Dantian und im indischen Yoga entspricht sie in etwa dem Sakralchakra, dem zweiten der sieben Hauptchakren.

Moshé Feldenkrais ging als westlich geprägter Wissenschaftler sehr vorsichtig mit dem Begriff der Energie um. Er geht auf diesen zweiten Aspekt der Körpermitte nur indirekt ein, wenn er in einigen seiner Stunden die Anweisung gibt, alles mit der Vorstellung zu tun, das ganze Selbst sei im Bereich des unteren Bauches lokalisiert oder der Impuls zu jeglicher Handlung solle von dort ausgehen. Ihm ging es um eine potentielle Handlungsbereitschaft und Präsenz ausgehend von der unteren Bauchregion, die – wenn sie erreicht wird – ganz automatisch einen vitalen Fluss der Lebenskräfte gewährleistet.

In seinem Buch „Das starke Selbst“ betont er diesbezüglich die enorme Wichtigkeit eines „gefüllten“ Unterleibs. Wörtlich schreibt er:

 „Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Körperteil, über den so viele Halbwahrheiten gesagt worden sind und gesagt werden wie über den Unterleib. Manche Schulen wollen ihn flach und hart wie ein Brett; ihn einzuziehen, wird von nahezu allen empfohlen. Hier scheinen die großen Judomeister einem richtigen Verständnis seiner Funktion näher zu sein als andere Schulen, und manche von ihnen beherrschen ihn vollkommen. Der schwere Inhalt der Unterleibsgegend sowie die Lungen, das Herz und die Stimmwerkzeuge hängen letztendlich an der Wirbelsäule, wie auch die Muskeln, die alles halten. Der eigentliche Inhalt des Unterleibs, d.h. alles unterhalb des Zwerchfells, wird von den Muskeln des Beckenbodens gestützt. Alle diese Muskeln müssen tonisch zusammengezogen sein, das bedeutet: Absichtliche Handlung sollte den Grad ihrer Kontraktion nicht stören. Wenn Wirbelsäule und Kopf richtig getragen werden, wird die Spannung in Beckenboden, Unterleib, Zwerchfell, Kehle und Zunge nur von deren Eigengewicht bestimmt. (…) Der untere Unterleib muss frei von absichtlichen Spannungen sein. Er ist gefüllt, gleichsam annähernd prall, d.h. man glaubt förmlich sehen zu können, wie das Gewicht der Eingeweide gegen die Bauchwand wiegt.

(Moshé Feldenkrais, Das Starke Selbst, Suhrkamp 1992, S. 249)

Das Gefüllt-Sein des unteren Bauchs, das man empfindet, wenn keine parasitären Kontraktionen vorhanden sind, bezeichnet Feldenkrais als den besten Anhaltspunkt, an dem man sich orientieren kann, um eine angemessene Haltung wieder herzustellen.

Er benutzt das Bild eines Tellerjongleurs, um eine gut ausbalancierte dynamische Haltung zu beschreiben: Das Becken trägt das Rückgrat und der Kopf sitzt oben auf, wie der Teller auf dem Ende des Bambusstabes eines chinesischen Jongleurs. Alles was sonst den Körper ausmacht hängt an der Wirbelsäule! Effektive, gut organisierte Handlungen sind nur möglich, wenn sich das Becken in all seinen Gelenken ungehindert bewegen kann und der Unterbauch frei von überflüssiger Spannung ist. Sobald eine der möglichen Beckenbewegungen eingeschränkt ist, wird der Fluss der Handlungen unterbrochen und man benötigt große Anstrengung im Schultergürtel oder in den Beinen, um das zu tun, was man mit einem beweglichen Becken leicht ausführen könnte.

 „Jede gut organisierte Handlung beginnt mit einer Bewegung des Beckenknochens, der sich so verschiebt, dass er die Wirbelsäule und den Kopf in eine neue Stellung bringt, ohne dabei die völlige Bewegungsfreiheit des Kopfes im Geringsten zu beeinträchtigen. Kontrolle über Kopf und Becken sind daher in jeder korrekten Handlung unabdingbar und keinem lässt sich der Vorrang zusprechen.“

(Moshé Feldenkrais, Das Starke Selbst, Suhrkamp 1992, S. 191)