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Gleichgewicht ist eine Aktivität

Wenn es uns leicht fällt, in vielen verschiedenen Positionen und Umgebungen im Gleichgewicht zu bleiben, gewinnen wir große Bewegungsfreiheit. Wir fühlen uns sicher und frei, wagen uns in die Welt hinaus, probieren neue Dinge aus und bewegen uns problemlos schnell und kraftvoll.

Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

Die Fähigkeit, im Gleichgewicht zu bleiben, ist verletzlicher und gefährdeter als wir gemeinhin denken. Solange wir damit keine Probleme haben, kommt es uns vor, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, ohne umzufallen auf zwei Beinen zu stehen, zu gehen, zu laufen oder zu hüpfen. Wir denken nicht über die Komplexität dieser Aufgabe nach, die unser Gehirn im Hintergrund jeder Tätigkeit ununterbrochen zu meistern hat. Gleichgewichtsprobleme gehören jedoch zu den häufigsten Gründen, weshalb ältere Menschen einen Arzt aufsuchen und sind die Hauptursache für Stürze. Untersuchungen der NASA haben gezeigt, dass bereits junge Menschen in ihren Zwanzigern erste Anzeichen einer verminderten Balancierfähigkeit zeigen.

Das Thema Gleichgewicht ist eine große und sehr grundsätzliche Angelegenheit. Unsere körperliche Struktur ist so beschaffen, dass wir im Grunde genommen ständig fallen. Wir haben eine winzige Basis, ein sehr hoch gelegenes Gravitationszentrum und ganz oben einen ziemlich schweren Kopf. Dank dieser instabilen Struktur haben wir eine enorme Bewegungsfreiheit in alle Richtungen und können uns ohne weiteres in Bewegung setzen oder die Richtung ändern. Als Preis dafür, muss unser Gehirn die ganze Zeit sicherstellen, dass wir nicht fallen. Mit Hilfe somato-sensorischer Wahrnehmungen und der Augen sowie des Vestibularsystems im Innenohr, berechnet es ununterbrochen unsere Position im Raum und koordiniert die Muskeln. Dies ist ein hoch komplexer Prozess, der fortwährend stattfindet, ohne dass wir im Normalfall viel davon mitbekommen.

Es ist hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass das Gleichgewicht eine Aktivität ist – kein Ding, das wir haben oder eben nicht. Mit der „Aktivität“, das Gleichgewicht spontan und unbewusst jederzeit wiederzufinden, sind wir von Kindesbeinen an vertraut. Wir mussten sie über viele Jahre hinweg lernen und verfeinern. In einem organischen Lernprozess, bei dem wir ausprobierten, scheiterten, wieder ausprobierten, besser scheiterten und so fort, vernetzte sich unser Gehirn in zunehmendem Maße und bildete Muster heraus, die es ermöglichten, uns in der Schwerkraft allmählich aufzurichten. Ein gesundes Kind benötigt rund sechs Jahre um herauszufinden, wie es einige Sekunden lang sicher auf einem Bein stehen kann! Damit nicht genug. Es fährt noch lange damit fort, spielend, laufend, kletternd seine Gleichgewichtsfähigkeit zu verbessern und während des Balancierens zunehmend komplexere Dinge auszuführen.

Anders als Kinder, die ständig in Bewegung sind und ihr Gehirn permanent mit neuen Gleichgewichts-Herausforderungen beschäftigen, verbringen wir als Erwachsene viele Stunden in stabilen Sitzpositionen und lassen unser Gehirn – bezüglich der Aufgabe, das Fallen zu verhindern – buchstäblich verhungern! Auch viele Fitness-Programme fordern das Gleichgewicht kaum heraus. So bieten beispielsweise stationäre Fahrrad-Hometrainer oder das Gewichtheben an einer Maschine nur geringe bzw. gar keine Variationsmöglichkeiten.

Durch die einseitigen Routinen unseres modernen Alltagslebens wird die fundamentale Fähigkeit, unbewusst, fließend und spontan das Gleichgewicht immer wieder zu finden, allmählich beeinträchtigt.

Der beginnende Verlust der Gleichgewichts-Fähigkeit bei jüngeren Menschen führt zunächst zu einer reduzierten Motivation, sich zu bewegen und neue Dinge auszuprobieren. Dies wiederum vermindert weiteres Lernen, schränkt die allgemeine Vitalität und Lebensfreude ein.

Viele ältere Menschen tendieren in der Folge dazu, einen breiteren Stand einzunehmen, beim Gehen zu schlurfen und ihren ganzen Körper immer steifer zu halten. Sie bewegen sich, als wären sie ein fester Klotz und versuchen so Stabilität und Sicherheit zu erzeugen. Tatsächlich verhindern sie auf diese Weise jedoch all die Bewegung, die nötig ist, um sich auszubalancieren. Es entsteht eine fixierte Art von Stabilität wie bei einem Möbelstück.

Zum Glück können wir jedoch viel dafür tun, unsere Balance-Fähigkeit zu erhalten. Das menschliche Gehirn ist unser wandelbarster Körperteil und unter den richtigen Bedingungen kann dem Verlust guten Gleichgewichts entgegen gewirkt werden.

Da Gleichgewicht das Resultat einer komplexen Hirnaktivität ist, die auf organischem Lernen beruht, können wir es beeinflussen. Um die Fähigkeit des Balancierens pflegen und fördern zu können, müssen wir bereit sein, unsere Bewegungs-Gewohnheiten in Frage zu stellen, unsere Balance herauszufordern und unser Gefühl für Bewegung – den kinästhetischen Sinn – zu schulen.

Die Feldenkrais-Methode ist dafür ein optimales Werkzeug. Sie fördert unsere Bewusstheit, um sicherer, leichter und zweckmäßiger handeln zu können. Wenn wir wahrnehmen, was wir tun und erkennen, dass es Alternativen dazu gibt, können wir die eigenen Bewegungen besser lenken und unser Gehirn darf tun, was es am besten kann: Bewegung koordinieren.

Mini-Übung für den Alltag: »Challenge your Balance!«:

  1. Innehalten und den Körper spüren: Nimm dir vor, zwei bis drei mal am Tag während einer Tätigkeit innezuhalten und auf die Empfindungen des eigenen Gewichts und des Atems zu achten. Schließ die Augen und frage dich: „Wie sieht meine Körperhaltung aus? Welche Teile meines Körpers berühren gerade den Boden? Wie ist meine Beziehung zur Schwerkraft in diesem Augenblick? Kann ich etwas daran verbessern, indem ich überflüssige, unzweckmäßige Anstrengungen sein lasse? Ist meine Wirbelsäule aufrecht oder gebeugt? Wie fühlen sich die Schultern an? Was macht die Atmung? Ist der Kiefer locker? Sind die Augen entspannt?“

    Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

    Bewusstheit durch Bewegung © International Feldenkrais® Federation Archive, Robert Golden

  1. „Erden!“: Geh erneut mit deiner Aufmerksamkeit bewusst zu den Stellen deines Körpers, die den Boden oder eine andere tragende Oberfläche berühren. Du kannst dich „erden“, indem du ein paar Atemzüge lang bewusst dein Gewicht auf diese Berührungspunkte sinken lässt und gleichsam der Schwerkraft ein wenig nachgibst.
  1. Fordere dein Gleichgewicht heraus: Probiere nun aus, ob du die Unterstützungsfläche, die dich trägt ein kleines bisschen reduzieren kannst. Das muss keine große Sache sein: Wenn du auf beiden Beinen stehst, verlagere ganz langsam dein Gewicht auf ein Bein und versuche den anderen Fuß vom Boden zu heben. Oder hüpfe ein paar Mal. Oder stell dich mit beiden Füßen auf die Zehenspitzen. Wenn du gerade sitzt: steh ganz langsam und ohne Anstrengung auf. Beobachte, wie du dich innerlich organisieren musst, um mit möglichst wenig Aufwand auf beide Beine zu kommen. Erfinde eigene Variationen!

Wichtig ist, dass du langsam, leicht und bewusst vorgehst. Orientiere dich an den Feldenkrais-Arbeitsprinzipien. Wiederhole diese kleine Übung mehrmals am Tag. Es ist die Summe kleiner Veränderungen, die einen großen Unterschied machen und zu mehr Bewusstheit und Ganzheit beitragen.

Tagesseminar im Bewegungsatelier Leipzig: Gleichgewicht – Förderung von Koordination und Orientierung

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