Archiv der Kategorie: Was ist Feldenkrais

Feldenkrais und Schauspiel

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von David Jeker

[Zuerst veröffentlicht in der Mitgliederzeitschrift des FVD Feldenkrais-Verbands Deutschland e.V.: Feldenkraisforum 93 / Mai 2016 ]

„Wir verfügen nur über ein Instrument, um dem Publikum unsere Gefühle, unsere Emotionen, unsere Ideen zu vermitteln: den eigenen Körper.“ – (Michael A. Tschechow)[1]

Seit ich während meiner Schauspielausbildung eine erste flüchtige Bekanntschaft mit der Feldenkrais-Methode machte, führen Schauspielerei und Feldenkrais in mir eine lebendige Beziehung, die – wie das bei Beziehungen eben so ist – nicht immer frei von gelegentlichen Schwierigkeiten und Konflikten war, in der Summe aber äußerst fruchtbar verläuft. Was ich in den etwa fünfundzwanzig Jahren dieser Beziehung an Schwierigkeiten, Erkenntnissen und Entwicklungen erlebt habe, soll Thema des folgenden Artikels sein und zugleich eine Reflexion auf die Frage, ob das Theater ein natürlicher Nährboden für die Feldenkrais-Methode ist.

Version 5

Meine erste professionelle Begegnung mit der Schauspielerei hatte ich anlässlich eines ausgedehnten Workshops mit der italienisch-argentinischen Theatertruppe Teatro Nucleo. Dieses Ensemble arbeitete in der Tradition des Körpertheaters der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Dementsprechend intensiv war das Training mit akrobatischen Übungen, Stockkampf und choreographischen Abfolgen selbst entwickelter Bewegungsvokabeln. Hinzu kamen Improvisationen, szenische Experimente, Exkurse in die Theater- und Kunstgeschichte sowie in Psychologie und Philosophie. Ich lernte einen Begriff kennen, der für mich einen verführerischen Klang hatte: „L’attore poeta“, der Schauspieler als Poet, beziehungsweise als Autor seiner Rolle. Die Welt, die sich mir damals eröffnete, war voller Möglichkeiten, Energie und Poesie. Ich war mit einer Profession konfrontiert, in der die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, mit der psycho-physischen Ganzheit eine Voraussetzung war. Täglich im Proberaum mehrere Stunden Körper und Geist zu trainieren, herauszufordern und zu befragen wurde zur Gewohnheit. Die Erfahrungen mit dem Teatro Nucleo beeinflussen meinen Weg in gewisser Weise bis heute. Jedenfalls habe ich damals begonnen, es als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten, dass Schauspielerei eine eigenständige, künstlerische Persönlichkeit verlangt, die reifen, sich entwickeln und entfalten möchte und dass Bewegung dabei eine zentrale Rolle spielt.

Ich erwähne dies so ausführlich, weil eine solche Vorstellung von Schauspielerei nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. Dies genauer zu analysieren und zu beschreiben, hat hier keinen Platz und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Nur soviel: Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Schauspieler zu sich selbst als Instrument kaum eine bewusste Beziehung haben. Bei der Vorbereitung auf Vorstellungen bedienen sich viele – wenn sie denn mehr tun, als eine Zigarette vor dem Auftritt zu rauchen – relativ wahllos irgendwelcher Übungen, an die sie sich aus dem Sprechunterricht an der Schauspielschule, aus Yoga oder Sport erinnern. An all dem ist nichts auszusetzen, aber häufig wirkt es etwas hilflos, und mir scheint, als wüssten überraschend viele nicht, was ihnen wirklich helfen könnte, um sich zweckmäßig auf den Zustand der Darstellung vorzubereiten.

Wir entwickeln uns lebenslänglich weiter und reifen wie ein kostbarer Wein

Die Feldenkrais-Methode lernte ich eher zufällig 1991 an der Schauspielschule in Bern kennen. Einer meiner Sprechlehrer gab mir eine Audiokassette mit zwei von Franz Wurm gesprochenen Atemlektionen, um mir bei meinen damaligen Stimmproblemen zu helfen. Ich hatte bis dahin noch nie etwas von Feldenkrais gehört, aber die langsamen Experimente mit mir selbst unter Anleitung dieser ruhigen, sonoren Stimme (die ich fälschlicherweise jahrelang für jene von Moshé Feldenkrais hielt), taten mir gut und weckten meine Neugierde. Ich begann irgendwann das Buch Bewusstheit durch Bewegung zu lesen und probierte in meinem Zimmer einzelne Bewegungssequenzen aus. Ihre Wirkung faszinierte mich, auch wenn ich nicht wirklich verstand, was da vor sich ging. Immer wenn ich im Leben gerade nicht weiter kam, stieß ich auf ein Buch von Moshé Feldenkrais und hatte das Gefühl, in der Methode dieses Mannes müsse die grundsätzliche Lösung meiner Fragen zu finden sein. Besonders seine Überzeugung, dass wir uns als Menschen lebenslänglich weiter entwickeln und reifen wie ein kostbarer Wein, der, je älter er wird, immer besser wird, hatte es mir angetan. Zudem ermutigte es mich in Bezug auf die Schwierigkeiten mit meiner Stimme, die sich als hartnäckig herausstellten und nicht kurzfristig zu beheben waren, obwohl ich mit allen möglichen Methoden intensiv die Stimme trainierte. Tiefergehend änderte sich daran erst etwas während meines Feldenkrais-Trainings von 2000 bis 2004 in Basel.

Wurde ich zu Beginn meiner Karriere als Schauspieler regelmäßig etwas besorgt gefragt, was denn eigentlich mit meiner Stimme los wäre, kamen nun immer häufiger Leute auf mich zu, die mich auf meine „interessante“ Stimme ansprachen – was durchaus positiv gemeint war. Für mich ist heute klar, dass diese Veränderung mit den vielen ATM-Lektionen zu tun hatte, die ich während der Ausbildung genoss. Ganz allmählich begann sich der obere Bereich meines Brustkorbs aufzurichten und die chronischen Verspannungen entlang des Stimmkanals um den Kehlkopf, im Hals und im Nacken nahmen ab. Es verging beinahe ein weiteres Jahrzehnt, bis ich immer öfter ein Lob auf meine „angenehme, beruhigende“ Stimme hörte. Hätte mir an der Schauspielschule jemand gesagt, dass es zwanzig Jahre dauern würde, um mein „Stimmproblem“ nachhaltig zu beeinflussen, es wäre frustrierend gewesen. Aber heute bin ich froh, nicht aufgegeben zu haben. Obwohl das nicht einmal ganz der Wahrheit entspricht, denn irgendwann hatte ich es aufgegeben, Stimmübungen zu machen, da sie scheinbar sowieso nichts brachten. Selbst dies sehe ich heute als einen wichtigen „feldenkraisischen“ Schritt. Ich hatte meine Zielfixierung aufgegeben und mir dadurch Druck genommen.

Auch jenseits des Stimmthemas war mir klar, dass die Feldenkrais-Methode meine Arbeit als Schauspieler positiv beeinflusst. Schließlich war ich es gewöhnt, den eigenen Körper, Bewegung mit all ihren Facetten, ja die ganze eigene Person als mein zentrales Ausdrucksmittel zu verstehen. Eine ganzheitliche Methode, bei der es um Selbsterforschung, Selbsterkenntnis und Selbstkompetenz geht, ist doch genau das, was wir brauchen! Dennoch fiel es mir enorm schwer, anderen Kollegen zu erklären wie Feldenkrais konkret der Schauspielerei dienen kann. Für die meisten sah es einfach nach Entspannung aus – sicherlich eine willkommene Abwechslung zum stressigen Probenalltag –, aber die Idee, es könnte sich um ein fundamentales Werkzeug zur Aus- und Weiterbildung ihrer Fähigkeiten handeln, erschien ihnen abwegig. Manche fanden es auch einfach zu introvertiert, zu langsam, zu unspektakulär. Ein Schauspielkollege, der seine Ausbildung in Belgien absolviert hatte, erzählte mir sogar, dass der dortige Leiter der Schauspielschule die Feldenkrais-Stunden aus dem Lehrplan strich, weil er angeblich mit den Studenten nach einer Feldenkrais-Lektion nicht mehr proben konnte.

Ich wusste gut, was damit gemeint war. Tatsächlich befand auch ich mich am Ende einer Lektion selten in einem geeigneten Zustand, um aufzutreten. In einem Advanced-Training sagte Larry Goldfarb nach einer ATM scherzhaft: „Do your famous Feldenkrais-Zombiewalk.“ Das traf den Nagel auf den Kopf. Durch Larrys Unterricht verstand ich auch den Grund dafür: Eine Feldenkrais-Stunde verlangt unter anderem eine vorübergehende Regression. Wir begeben uns in der Bewegungsentwicklung ein paar Stufen zurück, um bestimmte Zusammenhänge und Differenzierungen zu studieren, und am Ende der Stunde tauchen wir gerade aus den Tiefen dieser Reise wieder auf. Die meisten ATMs, die ich in meiner Ausbildung oder bei Feldenkrais-Lehrern in dieser Zeit erlebte, endeten mit einem Gang durch den Saal, der nicht selten genau so ein „Zombiewalk“ war, und der sich dann bestenfalls zu einem Aufwachspaziergang in Richtung Kaffeemaschine entwickelte. Das genügte als Alltags-Referenz. Einerseits hatten wir ja alle häufig genug gehört, dass die Wirkung der Stunde sich irgendwie untergründig in unserem Bewegungsrepertoire etablieren würde, andererseits schlugen wir uns mehr schlecht als recht mit der berühmten Frage nach dem Transfer des Erlebten in den Alltag herum. Um zur Schauspielerei zurückzukehren: zwischen dem Ende einer Feldenkrais-Lektion am Boden und der konkreten Arbeit auf der Bühne gab es eine gewaltige Lücke. Das war offensichtlich, und doch brauchte ich ziemlich lange, um zu verstehen, wie ich als Feldenkrais-Lehrer eine Brücke bauen konnte, wenn ich mit Theaterkollegen oder Schauspielstudenten Feldenkrais machen wollte.

Als ich eine Anfrage bekam, an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel Körperarbeit für die Bühne zu unterrichten, musste ich für dieses Problem endgültig eine Lösung finden. Zudem war klar, dass ich dort nicht nur ATM unterrichten konnte. Ich war gefordert, meine Erfahrungen als Schauspieler mit den Feldenkrais-Prinzipien zu verbinden.

Feldenkrais RolleJust in jener Zeit besuchte ich einen Workshop von Moti Nativ über die Wurzeln der Feldenkrais-Methode in den Kampfkünsten. In diesem Workshop entdeckte ich einen wesentlichen Link, um die genannte Lücke zu schließen. Bei Moti Nativ spielte es kaum eine Rolle, ob man gerade am Boden eine ATM machte oder eine Technik aus der Kampfkunst trainierte. Sein Unterricht war ein Ganzes, egal ob wir uns am Boden oder im Stehen, schnell oder langsam, kraftvoll oder ganz leicht bewegten. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Sobald die Orientierung im Raum dazu kam und die Funktionalität einer Kampfkunsttechnik, entstanden spontan Präsenzund Reaktionsbereitschaft. Der Schlüssel war der Gebrauch der Aufmerksamkeit. Ich bemerkte, dass ich die Gewohnheit hatte, entweder meine Aufmerksamkeit bewusst nach innen zu richten, um zu spüren und sensorische Wahrnehmungen zu beobachten, oder sie bewusst nach außen in den Raum zu projizieren, um zu kommunizieren, mich zu orientieren oder zu handeln. Die dritte Möglichkeit, die sich mir in diesem Workshop eröffnete, war mir zuvor nicht wirklich bewusst: mit meiner Innenwelt und der Außenwelt gleichzeitig und gleichermaßen in Kontakt zu sein und zu handeln.

Eine buchstäbliche Entdeckung des Selbstverständlichen

Für mich war es eine buchstäbliche Entdeckung des Selbstverständlichen. Vor dieser Erfahrung hatte ich eine immense Scheu, große, ausladende Bewegungen in meinen Unterricht einzubauen, und schnelle Bewegungen waren quasi tabu. Nun verstand ich, wie ich die Grundsätze der Methode auf das ganze Spektrum möglicher Handlungen anwenden konnte, und mir wurde klar, wie ich am Ende einer ATM mit einer Veränderung des Aufmerksamkeitsfokus und ein paar Variationen des Tempos das Auftauchen aus dem regressiven „Zombiezustand“ bis hin zu wacher psycho-physischer Präsenz und Reaktionsbereitschaft weiterführen konnte. Im Nachhinein erscheint mir diese Erkenntnis banal. Ich hatte einfach einen wesentlichen Aspekt der Methode übersehen. Um es abgewandelt mit Moshé Feldenkrais‘ Worten zu sagen: mein Inneres hatte mit dem Äußeren keinen umfassenden Kontakt.[2]

Durch Feldenkrais habe ich verstanden, wie wichtig die Rahmenbedingungen fürs Lernen sind. Im Theater sind diese Bedingungen nicht immer optimal. Es herrscht meist enormer Termindruck, das Ziel (die Premiere) beherrscht alles, die Kommunikationskultur ist zuweilen nicht die gediegenste. In meinen Schauspiel-Workshops versuche ich den offenen Geist der Feldenkrais-Methode ins Theater bringen: ich verstehe sie als Labor, in dem die Teilnehmenden in einer Atmosphäre der Neugierde und Achtsamkeit ohne Konkurrenzdruck mit sich und ihren Ausdrucksmöglichkeiten experimentieren können. Fehler und Irrwege sind ausdrücklich erlaubt und Teil dieses Prozesses. Anders gesagt: Auch eine Schauspielübung oder eine Probe kann wie eine ATM gestaltet werden! Arbeitsgrundsätze wie Achtsamkeit, Langsamkeit, Leichtigkeit, Variantenreichtum, Umkehrbarkeit – um nur einige zu nennen – lassen sich auf jede Lernsituation anwenden. Und die Erarbeitung einer Rolle ist nichts anderes als eine kreative Lernsituation. Proben bedeutet, auszuprobieren und möglichst viele Variationen auszutesten, um sich der stimmigsten Möglichkeit Schritt für Schritt anzunähern. So kann es beispielsweise ein aufschlussreiches Experiment sein, eine Szene gegen den Strich zu spielen: Die Darsteller haben die Aufgabe, in jedem Moment das Gegenteil dessen zu spielen, was die dramaturgische Logik eigentlich nahelegen würde. Das gleicht der Anweisung in einer ATM, die Bewegung absichtlich anstrengender zu machen, als sie sein müsste. Als Resultat wird der angestrebte Selbstgebrauch meist klarer, leichter und müheloser.

Wie sich Theatergrundsätze auf eine ATM anwenden lassen

Bei Alan Questel entdeckte ich, dass sich umgekehrt auch Theatergrundsätze auf eine ATM anwenden lassen. Als Schauspieler gilt es, für jede Handlung deren Absicht oder Motivation zu klären und sich bewusst zu sein, in welchem Kontext sie steht. Mit anderen Worten, man muss die Situation genau kennen, in der man als Figur handelt. In seinem Workshop „Creating Creativity“ unterrichtete Alan Questel eine ATM mit dem Titel „Intention – Action – Context“. Die Hauptbewegung ist das Rollen aus der Rückenlage auf eine Seite und wieder zurück. Die Variationen entstehen aus den unterschiedlichen Kontexten und Situationen, die man sich als Grundlage dieser Handlung vorstellen kann: Zum Beispiel früh morgens im Bett auf eine Seite rollen, um den Wecker auszumachen. Oder dasselbe mit der Vorstellung, neben einem liege jemand, den man nicht wecken möchte. Oder das Ganze in einer eiskalten Hütte in den Bergen voller Vorfreude auf eine lange geplante Bergtour und so weiter und so fort. Durch die veränderten Kontexte und Situationen verändert sich natürlich auch die Handlung des Rollens. Das ist ein exemplarischer schauspielerischer Vorgang. Am Ende der ATM hat sich das Gleiche vollzogen wie nach einer „normalen“ ATM. Der Bewegungsablauf ist fließender, geschmeidiger, integraler als zu Beginn, aber zugleich sind die Ausführenden wacher und präsenter.

Moshé Feldenkrais selbst schien zum Theater eine besondere Beziehung zu haben. Laut seinem Biographen Mark Reese liebte er es, ins Theater zu gehen, und 1975 bemerkte er in San Francisco, dass er – hätte er noch Zeit für eine weitere Karriere – gerne Schauspieler werden würde.[3] Er wusste erstaunlich gut über die Schauspielerei Bescheid. Vermutlich lag das nicht zuletzt an seiner langjährigen engen Freundschaft mit dem Ha-Bimah Schauspieler Aharon Meskin, von dessen Arbeitsweise er fasziniert war und mit dem er sich intensiv austauschte. Er hatte die Werke von K. S. Stanislawski[4] gelesen, kannte Lee Strasberg[5] und dessen Actors Studio und unterrichtete sowohl am Ha-Bimah Theater in Tel Aviv als auch Peter Brooks[6] Ensemble in Paris. In dem Interview mit dem Theatertheoretiker und Regisseur Richard Schechner (aus dem das vorangestellte Zitat stammt) formulierte er seine eigenen Ideen darüber, was Schauspieler brauchen, um erfolgreich zu sein. Eigentlich gibt es kaum Zweifel, dass die Feldenkrais-Methode für darstellende Künstler in besonderem Maße wertvoll ist.

Version 3Dennoch war es für mich im Theaterkontext wichtig, zu verstehen, dass mir Feldenkrais eine sehr konkrete Methodik zur Verfügung stellt, mit der ich bestimmte Resultate erreichen kann und andere nicht. Wenn ich mich selbst auf eine Vorstellung vorbereite, benutze ich eher selten reine Feldenkrais-Lektionen. Ich beginne vielleicht ein paar Minuten auf dem Boden mit einem Scan, um meine „Neutralität“ zu finden, mit der Schwerkraft und meinem Skelett in Kontakt zu kommen. Danach sind jedoch eher Übungen gefragt, die den Energiefluss anregen, das Raum- und Partnerbewusstsein steigern und die Reaktionsbereitschaft wecken. In dem erwähnten Interview sagt Richard Schechner zu Moshé Feldenkrais: Was Sie tun, ist eine grundlegende Schulung des Menschen.[7] Schauspielerinnen und Schauspieler lernen in Feldenkrais-Lektionen natürlich genau dasselbe wie alle anderen Feldenkrais-Praktizierenden auch. Ich erlebe das, was mit der Feldenkrais-Methode erreicht werden kann, als eine generelle Verbesserung der Infrastruktur meiner Handlungsfähigkeit. Mit den Bewegungs- und Wahrnehmungsexperimenten am Boden konnte ich die nötigen Grundlagen ausbilden und fördern, um in anderen Zusammenhängen wirksam und erfolgreich handeln zu können. Das war und bleibt selbstredend ein langfristiger (und wie die Geschichte mit meiner Stimme zeigt, zuweilen auch langwieriger) Prozess. Doch gerade diese Arbeit an den Grundlagen ist, wie ich finde, für alle darstellenden Künstler enorm lohnend, da sie mit der „Feldenkrais-artigen“ Herangehensweise auch ein Verfahren an die Hand bekommen, mit dem sie im Verlauf ihrer gesamten Karriere die Lernprozesse, die ihrem Beruf immanent sind, selbständig und kreativ handhaben können.

Darüber hinaus steht natürlich außer Frage, dass Schauspielerinnen und Schauspieler ein sehr spezifisches Handwerk beherrschen müssen, das durch ATM-Unterricht und wachsende Selbstbewusstheit nicht automatisch mit abgedeckt wird. Wenn jemand jedoch in „Bewusstheit durch Bewegung“ geschult, seine Infrastruktur folglich gut gepflegt ist, fällt es ihm bzw. ihr vermutlich leichter, schauspielerische Techniken zu erlernen, welche ja immer die körperlich-geistige Ganzheit der Person ansprechen sollten. Eine Schauspiel-Methode, die sich meiner Erfahrung nach mit Feldenkrais besonders gut verbinden lässt, ist jene von Michael Tschechow[8]. Tschechows Arbeit gründet auf Imagination und Bewegung und verlangt ein hohes Maß an Bewusstheit. Spielerisch und kreativ zielt sie darauf ab, die künstlerische Persönlichkeit der Schauspielerinnen und Schauspieler zu voller Entfaltung zu bringen. Tschechow entwickelte kein rigides System, das streng befolgt werden muss, sondern eine Fülle praktischer psycho-physischer Übungen, die ganz im feldenkraisischen Sinne erforscht, variiert und verinnerlicht werden sollen und sich gegenseitig befruchten.

Inzwischen ist Feldenkrais für Schauspielerinnen und Schauspieler kein Fremdwort mehr. An vielen Schauspielschulen kommen sie zumindest sporadisch mit der Methode in Berührung, an manchen Hochschulen, wie beispielsweise der HKB in Bern oder an der UdK in Berlin, erleben sie Feldenkrais sogar als festen Bestandteil des Lehrplans. Dennoch bilden die darstellenden Künste meiner Ansicht nach in Deutschland (noch) keinen natürlichen Nährboden für die Feldenkrais-Methode, vielleicht weil sie so grundlegend und ihre nachhaltige Wirkung nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist. Aber das Potential dafür ist vorhanden und vielleicht ist sogar eine Entwicklung in diese Richtung im Gange.

In meinen eigenen Workshops bin ich bestrebt, eine Arbeitsatmosphäre in Feldenkrais-artigem Geist zu schaffen. ATM-Lektionen benutze ich, um die Grundlagen der Arbeit zu legen und neue Ideen einzuführen, die dann mit Hilfe von Übungen aus schauspielspezifischen Trainings weiter erforscht und ausgearbeitet werden. Auf diese Weise möchte ich den Teilnehmenden Gelegenheit geben, sich selbst als „Attori poeti“ zu erfahren, als Autoren ihrer Rollen beziehungsweise ihrer Performances, auf dass sie sie mit den eigenen Fragen ans Leben durchdringen und bereichern können. Eine Arbeit, die selbstredend nicht mit einem Workshop oder einer Premiere endet, sondern sich im Idealfall wie eine Basslinie durchs ganze Leben zieht.


[1] Michael Tschechow, Lektionen für den professionellen Schauspieler, Berlin 2013.

[2] Moshé Feldenkrais, Verkörperte Weisheit, Gesammelte Schriften, 2013; S. 144. [„Wenn ein Schauspieler gut ausgebildet ist, seines Körpers, seiner Augen, seines Mundes, seiner Willensäußerungen bewusst ist und das Innere mit dem Äußeren umfassenden Kontakt hat, kann er selbst entscheiden, was er tun möchte.“]

[3] Mark Reese, Moshé Feldenkrais: A Life in Movement, 2015; S. 73.

[4] Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863 – 1938), russ. Schauspieler, Regisseur und Schauspiellehrer.

[5] Lee Strasberg (1901 – 1982) US-amerikanischer Schauspiellehrer und Regisseur, Begründer des Method Actings.

[6] Peter Brook (geb. 1925), britischer Theaterregisseur, einer der prägendsten Vertreter des modernen Theaters im 20 .Jhdt.

[7] Moshé Feldenkrais, Verkörperte Weisheit, Gesammelte Schriften, 2013; S. 144.

[8] Michael A. Tschechow (1891 – 1955), russ. Schauspieler und Schauspiellehrer; Neffe des Dramatikers Anton Tschechow.

Advertisements

Das Selbstbild bei Feldenkrais

„Jeder Mensch handelt nach dem Bild, das er sich von sich selbst macht.“ – Moshé Feldenkrais

In seinem Buch „Bewusstheit durch Bewegung“ schreibt Moshé Feldenkrais, dass jemand, der sein Verhalten verändern möchte, eigentlich sein Selbstbild verändern muss.

Selbstbild_Tafel

Unser Selbstbild ist uns so nahe und vertraut, dass wir normalerweise gar nicht darüber nachdenken. Andererseits ist der Begriff komplex und schwer zu fassen, da es sich um ein sprachliches Konstrukt handelt und nicht um ein konkretes Bild, das man vor sich hinstellen und anschauen kann. Im Grunde genommen ist „Bild“ gar nicht das treffende Wort. Man könnte „Selbstbild“ auch als eine Art dynamisches Netzwerk von Wahrnehmungen, Ideen und Gewohnheiten beschreiben, die einem Menschen das Gefühl geben, sich selbst zu sein, und die sein Handeln lenken.

In der Psychologie bezeichnet der Begriff Selbstbild die Vorstellung, die jemand von sich selbst hat. Für Moshé Feldenkrais ist es eng mit dem Körperbild verknüpft. Es umfasst sowohl die Form und die Beziehung der Körperteile zueinander als auch räumliche und zeitliche Bezüge sowie kinästhetische Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Alle Bestandteile sind aufs innigste miteinander verwoben und bilden ein untrennbares Ganzes. Dieses ist dynamisch und ändert sich von Handlung zu Handlung. Aber all unsere Handlungen haben die Tendenz, mit der Zeit zur Gewohnheit zu erstarren – Gewohnheiten, die wiederum unsere Selbsterfahrung prägen. Wenn wir mit Schmerzen, Verletzungen oder anderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, sind diese auf allen Ebenen des Selbstbildes repräsentiert.

Wie können wir auf dieses komplexe Ganze zielgerichtet einwirken?

Moshé Feldenkrais große Stärke war es, abstrakte Ideen in konkretes Tun zu übersetzen. Sein Ansatz konzentriert sich auf den motorischen Aspekt des Selbstbildes, da aber alle anderen Aspekte in die Bewegung eingewoben sind, werden sie – so Feldenkrais These – ebenfalls beeinflusst.

Jede Feldenkrais-Lektion soll im Grunde eine Klärung des Selbstbildes bewirken und damit auch eine Klärung des Handelns. Ideal wäre, wenn das Resultat einer Handlung möglichst genau der Absicht entspricht, die ihr zugrunde liegt. Dies ist jedoch nur selten der Fall, da viele unbewusste Spannungen die Ausführung beeinträchtigen können.

Um unser Handeln bewusst verändern zu können, müssen wir die Körperteile spüren, die an der Handlung beteiligt sind. Daher beginnen wir eine Feldenkrais-Stunde fast immer mit einer bewussten Wahrnehmungsreise durch den Körper. Normalerweise spüren wir die Stellen am deutlichsten, deren wir uns auch im Alltag am meisten bedienen. Die verschwommenen, unklaren, stummen Bereiche sind nur indirekt und unbewusst in die Alltagshandlungen eingebunden. Genau diese spielen jedoch oft eine bedeutende Rolle bei Beschwerden und Schwierigkeiten. Sie gilt es allmählich aufzuspüren und zu integrieren.

Ein vollständiges Selbstbild – also eine gleichmäßige Bewusstheit für alle Aspekte des Selbst und des Körpers – ist allerdings ein kaum zu erreichendes Ideal. Alles was wir normalerweise tun, ist den Grenzen unseres gewohnten Selbstbildes unterworfen, welches häufig nur einem schmalen Ausschnitt des Idealbildes entspricht. So schätzen beispielsweise die meisten von uns bei geschlossenen Augen die Größenverhältnisse innerhalb des Körpers sehr ungenau ein. Die Differenz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit kann folglich recht groß sein, was auch die Resultate unserer Handlungen beeinträchtigt. Wie wir unseren Kopf halten, die Schultern, den Bauch, wie wir stehen, gehen oder uns setzen, beruht auf diesem subjektiven, zum Teil verzerrten, verkleinerten oder aufgeblasenen Bild unserer selbst.

Während einer Feldenkrais-Stunde beobachten wir unser Selbstbild in Aktion. Damit es möglich wird, viele, ungewohnte Details und Zusammenhänge zu erkennen, bewegen wir uns langsam, achtsam und mit möglichst wenig Muskelkraft. Feldenkrais-Lektionen sind außerdem so aufgebaut, dass uns allmählich die Geometrie und die natürliche Funktionsweise unseres Körpers immer klarer werden. Wenn wir die Methode regelmäßig praktizieren, verringern wir auf systematische Weise die genannte Differenz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit, was langfristig viel wirksamer ist, als es die bloße Korrektur einzelner Handlungen wäre.

Moshé Feldenkrais vergleicht die durch seine Methode mögliche Verbesserung der Dynamik des Selbstbildes mit dem Stimmen eines Musikinstruments. Wenn wir gut gestimmt sind, bekommen unsere Handlungen zunehmend harmonische Qualitäten, sie werden leichter, wirksamer und nicht zuletzt schöner!

Übrigens: Bis April 2015 ist das Selbstbild der Themenschwerpunkt im fortlaufenden Gruppenkurs im Bewegungsatelier Leipzig

 

 

Natürliche Bewegung – und wie wir sie erhalten können

Wenn Du versuchst, Dir eine Wildkatze in freier Wildbahn vorzustellen, taucht wahrscheinlich sofort ein lebendiges Bild von natürlicher Beweglichkeit auf. Die Wildkatze bewegt sich mit Leichtigkeit, Eleganz und Geschmeidigkeit, sie benutzt nur soviel Kraft wie nötig und das zumeist ihr ganzes Leben lang. Ihre Bewegungen sind von nichts als der Schwerkraft und den absoluten Einschränkungen ihres Skeletts und ihrer Gelenke limitiert, sie ist wach, präsent und dynamisch.

Ich schlage nicht vor, dass wir alle zu Wildkatzen mutieren sollen, aber als zivilisierte Menschen in einer hoch entwickelten Kultur verlieren wir im Laufe des Lebens unsere natürliche Beweglichkeit oft unverhältnismäßig früh. Einschränkende Gewohnheiten, die durch Krankheiten, Unfälle, Ängste, traumatische Erlebnisse oder einfach durch das Befolgen von unhinterfragten Regeln entstanden sind, limitieren das Repertoire und die Qualität unserer natürlichen Bewegungsfähigkeit zunehmend und oft in übertriebenem Maße – es sei denn, wir steuern dagegen! Doch wie sollen wir das anstellen?

DSC_0467_2

Moshé Feldenkrais hat in über vierzig Jahren eine Methode zur Verfeinerung und Förderung des menschlichen Verhaltens entwickelt. Er entschied sich, Bewegung nicht zu „lehren“ und dem Körper durch stereotype „Übungen“ einzuprägen wie viele andere Übungs- oder Trainings-Methoden, sondern sie zu benutzen, um menschliches Funktionieren von Grund auf zu untersuchen. Es gelang ihm eine Methode zu schaffen, die, auf organische Weise und sehr individuell, tiefgreifende Veränderungen von Handlungsgewohnheiten ermöglicht.

Natürliche Bewegung entsteht durch harmonische Koordination und fühlt sich sowohl sicher als auch elegant an. Dies gelingt weder unter den frustrierenden Bedingungen eines ständigen Wettbewerbs (wie er von unserem modernen Alltag häufig hervorgerufen wird) noch durch strenge Selbsttyrannei (wie die Fitnessindustrie uns gerne einzutrichtern versucht). Im Gegenteil, wenn wir unsere authentische Art uns zu bewegen wiedererlernen wollen, brauchen wir ein sicheres, angenehmes und entschleunigtes Lernumfeld.

Feldenkrais Stunden haben nichts mit physischer Anstrengung oder Imitation vorgegebener Bewegungen zu tun. Sie zielen vielmehr auf einen autonomen Lernprozess, der ein exklusiv menschliches Talent anzapft: unsere Fähigkeit zur  Bewusstheit – diese einzigartige Gabe, die es uns erlaubt, die geringsten Details unseres Tuns wahrnehmen zu können. Der körperliche Kraftaufwand bei dieser Art des Lernens ist minimal:

  • Du horchst auf das, was in Dir geschieht, während Du Dich bewegst.
  • Du verwendest deine Kräfte dafür, die Qualitäten deiner Bewegung zu verfeinern.
  • Du benutzt deine Sinne, um Verbindungen und Beziehungen in Dir selbst zu entdecken.
  • Du entwickelst eine immer subtilere Unterscheidungsfähigkeit, um entscheiden zu können, was für dich am besten funktioniert.
  • Du lernst, Dich selbst zu befragen und auf die Antworten von innen zu horchen.

Die Feldenkrais-Trainerin Ruthy Alon beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: „Wenn du dich darauf einlässt, kann es sein, dass du dich wie ein Kind fühlst, das auf einen riesigen Spielplatz voller ungewöhnlicher Spiele geführt wird, wo es – von Neugierde inspiriert – beginnt mit Bewegung zu spielen und allmählich, fast nebenher, ein Meister seiner eigenen natürlichen Bewegungsfähigkeit wird“. Indem Du Deine Bewegungen auf vielfältige Weise erforschst, bereicherst Du Dein Bewegungsvokabular mit neuen Optionen, die Dir helfen, Dich freier, leichter und sicherer zu bewegen. Du folgst beispielsweise den Fragen: wie komme ich vom Liegen zum Sitzen? Wie erhebe ich mein Gewicht vom Boden? Wie drehe ich mich, wie bücke ich mich, wie hebe ich etwas auf? Wie kann ich mich mit der Gravitation in einer Weise arrangieren, die sowohl angenehm als auch wirksam ist.

„Bewusstheit durch Bewegung“, die Gruppenstunden von Moshé Feldenkrais, bieten eine Möglichkeit, mehr Wachheit, Präsenz und Dynamik in Dein Handeln und Bewegen zu bringen.

In Leipzig kannst Du dies im Bewegungsatelier in der Alten Handelsschule ausprobieren: „Die Kunst natürlicher Bewegung“, fortlaufende Feldenkrais Gruppenstunden am Dienstag Abend oder Tagesseminar am 26. Juli 2014 „Nackenfreiheit und Schulterlösungen“

Langsamkeit

Mae West: „Wenn es wert ist, getan zu werden, dann ist es wert langsam getan zu werden!“

Wandtafel_Langsam

Geschwindigkeit scheint der alles bestimmende Faktor unserer Zeit zu sein. Als „gut“ gilt, wer als erster ans Ziel kommt oder was im Handumdrehen gelingt. Alles muss schnell gehen, von der Fortbewegung über die Kommunikation mit Internet, Telefon oder Handy bis hin zum Essen. Wir sind dermaßen daran gewöhnt, alles möglichst ohne Verzögerung zu bekommen und zu erledigen, dass Langsamkeit schon einen negativen Beigeschmack bekommen hat. Mit Langsamkeit assoziieren wir Langeweile, Begriffsstutzigkeit, Trägheit, Dummheit, nervendes Warten und vieles mehr.

Lern- und Entwicklungsprozesse sind jedoch nicht im Handumdrehen zu vollziehen. Es ist sogar umgekehrt: Schnelligkeit und Eile oder gar Hast stehen ihnen im Wege oder verhindern sie gänzlich. Wann immer wir etwas Neues lernen, ist Langsamkeit eine unabdingbare Voraussetzung.

Selbstverständlich ist die Fähigkeit, Dinge schnell tun zu können, im Alltag unerlässlich und wunderbar. Es ist aber wichtig, zu wissen, dass wir nur das schnell tun können, was wir bereits häufig getan haben und gut kennen. Das Gehirn funktioniert dabei automatisiert und benutzt tief eingeprägte Muster. Es gibt keinen Platz für Neues.

Hingegen, wenn wir etwas sehr langsam tun, erregen wir die Aufmerksamkeit des Gehirns und geben ihm die Chance, feine Unterschiede wahrzunehmen, neue Verbindungen zu knüpfen und den ganzen Handlungsablauf neu zu koordinieren. Langsamkeit ermöglicht es uns, zu fühlen, was geschieht und wie es geschieht, sie ermöglicht es uns, Unterscheidungen wahrzunehmen und Neues zu entdecken. Durch Langsamkeit füttern wir das Gehirn mit jenen sensorischen Informationen, die es benötigt, um optimal funktionieren und neue Bewegungs-, Gedanken- und Beziehungsmuster bilden zu können.

Da Feldenkrais-Stunden keine besondere Art der Gymnastik sind, sondern darauf abzielen, stimmige Verhältnisse für die komplexen Prozesse unserer Verhaltensteuerung zu schaffen, ist es für die Wirksamkeit der Stunden zwingend notwendig, die vorgeschlagenen Bewegungen möglichst langsam auszuführen. Dann ist es möglich, das Zusammenspiel aller Elemente, die an einer Handlung beteiligt sind, organisch zu verbessern.

Vielleicht hast du Lust, die folgenden Übungen für den Alltag auszuprobieren:

  1. Mach regelmäßig Langsamkeits-Pausen! Nimm dir beispielsweise jeden Tag eine Tätigkeit von etwa zehn Minuten vor, die du wirklich langsam ausführst! Horche dabei auf deine Gedanken, Gefühle und Empfindungen, nimm wahr wie du atmest und wo du dich anstrengst.
  2. Wenn etwas schwierig ist, nutze die Gelegenheit als Erinnerung daran, langsamer zu werden, statt dich mehr anzustrengen (wie es vielleicht deiner Gewohnheit entsprechen würde).
  3. Wenn etwas sehr schnell gehen muss, bremse dein Tempo und vermeide jegliche Hast! Das kann eine gewaltige Herausforderung für die eigenen Gewohnheiten sein, aber auch eine lohnende paradoxe Intervention, gemäß dem Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach langsam!

Das Judo-Prinzip

Moshé Feldenkrais war zwanzig Jahre seines Lebens ein passionierter Judoka. Judo prägte sein Leben und seine Methode nachhaltig. Man darf ruhig behaupten: ohne Judo wäre die Feldenkrais-Methode undenkbar. Auf Deutsch heißt Judo in etwa „sanfter Weg“. Es geht in dieser Kampfkunst darum, mit seinen Kräften zu haushalten und sie so geschickt wie möglich zu gebrauchen, um eine maximale Wirkung zu erzielen.

©International Feldenkrais® Federation Archive

©International Feldenkrais® Federation Archive

Auf mich machte bei der ersten Begegnung mit der Feldenkrais-Methode ein Prinzip, das ganz offensichtlich aus dem Judo stammt, besonderen Eindruck – und es scheint mir bis heute eigentlich das Wesentlichste: Wenn du bei einer Handlung einen Widerstand oder eine behindernde Anspannung spürst, kämpfe nicht dagegen an, sondern nimm den Widerstand wahr, studiere ihn und folge ihm. Als Resultat davon verschwindet er häufig oder er verwandelt sich und es eröffnen sich neue Möglichkeiten, sich selbst wahrzunehmen, sich zu bewegen oder zu handeln.

Diese Vorgehensweise entspricht in etwa dem, was in der Psychologie als Paradoxe Intervention bekannt ist. Im Judo heißt dieses Prinzip Siegen durch Nachgeben.

Der Legende nach geht diese Idee auf den im 16. Jahrhundert lebenden japanischen Arzt Akiyama Shirobei zurück, der in China Medizin und die Kunst der Selbstverteidigung studiert hatte. Wieder in Japan, zog er sich in einen Tempel zurück. Es war Winter und es schneite außerordentlich viel. Shirobei betrachtete die Bäume und ihm fiel auf, dass viele Äste unter der Last des Schnees brachen, nur die Äste des Weidenbaums waren elastisch genug, um nachgeben zu können und den Schnee abgleiten zu lassen. Auf Grund dieser Beobachtung soll Shirobei das Prinzip des „Ju“ – des Nachgebens – in die Kampfkunst eingeführt haben. Pauschal gesagt, geht es darum, einen Angreifer zu bezwingen, indem man nachgibt und mit dessen Kraft mitgeht, um sie unschädlich zu machen.

Moshé Feldenkrais benutzte dieses Prinzip als Grundlage für seine Methode. In der Einzelarbeit Funktionale Integration wird nichts erzwungen. Man geht immer mit dem, was da ist, unterstützt das vorhandene Bewegungsmuster, nimmt dessen Richtung auf und leitet sie in neue, ungewohnte Bahnen um und sucht viele alternative Wege für sie. Der Feldenkrais-Trainer Dennis Leiri nannte diese Strategie: „Für das Symptom argumentieren“.

Das Prinzip des Nachgebens hat natürlich nicht nur für die Arbeit mit dem Körper Gültigkeit, Es kann eine umfassende Dimension gewinnen, wenn man es auf sein ganzes Leben anwendet. In einer häufig zitierten Aussage erhebt Moshé Feldenkrais dieses Prinzip zu einer Handlungs-Maxime und einem Ausdruck höchster Lebensweisheit: „Finde deine wahre Schwäche und kapituliere vor ihr. Darin liegt der Weg zum Genie. Die meisten Leute verbringen ihr Leben, indem sie ihre Kraft damit vergeuden, ihre Schwächen zu überwinden oder zu verdecken. Jene Wenigen, die ihre Kräfte nutzen, um ihre Schwächen zu verkörpern, die sich selbst nicht spalten, sind sehr selten. Es gibt in jeder Generation ein paar davon und oft führen sie ihre Generation an.“  

Auf das eigene Leben übertragen: Was bedeutet das für dich selbst? Die Antworten darauf müssen immer wieder neu gefunden werden. Wenn  man ihnen folgt ergibt sich daraus ein lebenslanger Weg.

Hingabe

Was ist der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen? Was sind typische Qualitäten bei kleinen Kindern? Ein paar spontane Assoziationen ergeben bereits eine lange Liste:  Kinder sind neugierig und bereit Dinge auszuprobieren, sie bewegen sich sehr viel und sehr gerne, sie sind spontan, spielerisch, oft angstfrei, nicht zu stoppen, ganz und gar bei der Sache, begeistert, enthusiastisch, total präsent… diese Aufzählung könnte noch ziemlich lange so weiter gehen.

Die genannten Qualitäten sind bei Erwachsenen oft eingeschränkt, blockiert oder verschüttet. Dabei sind es genau diese Eigenschaften, die unser Gehirn benötigt, um seinen Job gut zu machen!

Tafel Lernmodus_DSCN7600

Anat Baniel – eine langjährige Schülerin von Moshé Feldenkrais – sagt, wir müssen als Erwachsene den Lernschalter wieder einschalten! Natürlich gibt es in unserem Gehirn nicht wirklich einen Schalter, aber das Gehirn kann in zwei verschiedenen Funktionsweisen arbeiten: in einem Lernzustand oder in einem Nicht-Lernzustand. Als wir kleine Kinder waren, befand sich unser Gehirn in einem Lernmodus, der fast immer eingeschaltet war, wenn wir wach waren. Alles was geschah, jede Erfahrung die wir machten, veränderte uns, da wir mit allen Sinnen bei der Sache waren, uns faszinieren ließen und uns allem, womit wir beschäftigt waren, mit Haut und Haar hingaben. So war unser Gehirn in der Lage, die Informationen aufzusaugen, die es brauchte, um optimal arbeiten zu können.

Aufgrund von häufiger Wiederholung, Drill, Alltagsstress und Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Handeln, tendieren wir als Erwachsene dazu, den Lernschalter immer häufiger auszuschalten oder sein Volumen herunter zu dimmen. Dann kann eine Menge passieren, ohne dass wir das Geringste daraus lernen.

Die Feldenkrais Arbeit zielt auf einen organischen Lernprozess, der persönliche Veränderung mit sich bringt. Dies kann nur geschehen, wenn wir uns im Lernmodus befinden und uns auf die vorgeschlagenen Bewegungsexperimente mit gesteigerter Neugierde und mit Hingabe einlassen. Um organisch zu lernen, müssen wir jeden Moment als einzigartig betrachten. Diese Erfahrung ist in gewisser Weise sehr intim, da sie verlangt, uns mit unserem ganzen Selbst einzubringen, mit all unseren Gedanken, unseren Überzeugungen und der Art wie wir fühlen und uns bewegen – letztlich auch mit unserer ganzen Verletzlichkeit. Wenn wir uns darauf einlassen, machen wir mit unserem Gehirn etwas qualitativ anderes, als wir normalerweise tun! Statt ihm etwas  aufzuzwingen, gestatten wir ihm, etwas Neues zu erschaffen! So ermöglichen wir, dass uns die gemachten Erfahrungen transformieren können und wir uns entwickeln.

 

 

 

Bewusstheit durch Bewegung

In diesem kurzen Video von Andrew Dawson siehst du eine Bewegungssequenz „Bewusstheit durch Bewegung“, die mit Hilfe einer Spiralbewegung vom Liegen ins Stehen führt .

Das lässt sich leicht nachmachen!

„Leg dich auf den Boden. Lass deinen Arm langsam auf dem Boden über den Kopf gleiten und roll dich dabei auf die Seite und auf deinen Ellbogen. Geh auf dem gleichen Weg wieder zurück. Mach eine Pause. Wiederhole die Bewegung viele Male. Erforsche den Ablauf achtsam, sorgfältig, spielerisch. Mache wieder eine Pause. Forsche weiter und mach den Ablauf immer fließender, leichter und eleganter…“ – Viel Spaß dabei!