Archiv der Kategorie: Hirnforschung

Gehen neu entdecken: Über Selbstorganisation, Aufmerksamkeit und Lernräume in Bewegung 

Gehen ist eine alltägliche Tätigkeit von großer Komplexität. Wir tun es scheinbar selbstverständlich, oft nebenbei, während wir nachdenken, planen oder uns Sorgen machen. Und doch ist Gehen ein hochorganisiertes Zusammenspiel des ganzen Menschen: biomechanisch, neurologisch, sensorisch und nicht zuletzt erfahrungsbezogen.

Aus Feldenkrais-Perspektive ist Gehen weniger eine Fertigkeit, die „richtig“ oder „falsch“ ausgeführt wird, als vielmehr ein Ausdruck der gesamten inneren Organisation. Wie wir Gewicht übertragen, wie Becken und Brustkorb zusammenspielen, wie Rotation, Beugen, Strecken und Seitneigung entlang der Wirbelsäule ineinandergreifen. All das geschieht nicht isoliert, sondern als dynamisches Ganzes. Wenn diese Organisation stimmig ist, erleben wir Gehen als leicht, verbunden und fließend. Wenn nicht, kann es zur mühsamen Last oder gar zu einem Hindernis werden.

Der Biomechaniker Serge Gracovetsky beschreibt Gehen in erster Linie als einen Vorgang, der von den Bewegungen der Wirbelsäule angetrieben wird. Das entscheidende Element liefert dabei die Rotation des Rumpfes: Sie steuert Richtung, Vortrieb und zeitliche Abfolge des Gehens. Damit rücken Arme und Beine in eine andere Rolle: Sie erscheinen nicht länger als primäre Motoren, sondern als verlängernde Ausleger, die die Bewegung des Rumpfes nach außen tragen. Erst die gegenläufigen Drehbewegungen des Torsos machen aus den wechselnden Beinbewegungen echte Fortbewegung.

Eine ganz andere, Perspektive bringt der Neurowissenschaftler Shane O’Mara ein. In „Das Glück des Gehens“ beschreibt er Gehen als eine Aktivität, die Gehirn und Nervensystem umfassend organisiert: Wahrnehmung, Denken, emotionale Regulation und räumliche Orientierung profitieren von rhythmischer, gut koordinierter Fortbewegung. Wie wir gehen, beeinflusst also nicht nur unsere Bewegung im Raum, sondern auch unser inneres Erleben.

Hier berührt sich neurowissenschaftliche Forschung mit einem Kernanliegen der Feldenkrais-Methode: Lernen durch Bewegung und Aufmerksamkeit. In den „Bewusstheit durch Bewegung“ genannten Gruppenstunden geht es nicht darum, Bewegungen zu korrigieren oder von außen zu verbessern, sondern darum, Unterschiede wahrnehmbar zu machen. Die Aufmerksamkeit wird zum eigentlichen Lernmedium. Leichtigkeit im Sinne von Loslassen überflüssiger Muskelarbeit, ist dabei ein Hinweis darauf, dass die innere Organisation stimmiger geworden ist.

Diese Haltung lässt sich auch jenseits der Feldenkrais-Matte kultivieren. Ein Spaziergang kann zu einer Form von „Bewusstheit durch Bewegung im Alltag“ werden, wenn wir ihn als erquickenden und bereichernden Lernraum begreifen. Dabei soll das Spazierengehen keinesfalls zu einer weiteren Disziplin der Selbstoptimierung verkommen. Vielmehr geht es um eine spielerische, ruhige Erholung, die aus einer neugierigen Aufmerksamkeit für die eigenen Bewegungszusammenhänge erwächst. Wie verteilt sich das Gewicht? Wo beginnt der Schritt? Wie beteiligt sich die Wirbelsäule? Was geschieht, wenn ich weniger lokal und mehr im Ganzen wahrnehme? Und was, wenn ich einfach nur beobachte, was von selbst geschieht?

Vielleicht liegt darin eine der stillen Qualitäten des Gehens: Es verlangt keine Anweisung und keine Korrektur und doch wirkt es tief ordnend. Im rhythmischen Wechsel von Schritt und Gewichtsverlagerung wird Organisation erfahrbar, ohne dass sie gemacht werden muss. Gehen eröffnet einen Raum, in dem Aufmerksamkeit und Bewegung zusammenfinden. Hier können Bewegungsgewohnheiten sichtbar und transformierbar werden, ohne dass sie bekämpft werden müssten.

So verstanden ist Gehen mehr als Fortbewegung. Es ist eine fortlaufende Praxis des Lernens und der Selbstfürsorge: eine Einladung, die eigene Organisation in Bewegung zu erkunden und sich selbst dabei immer wieder neu zu begegnen.

Diese Erkundung des Gehens vertiefen wir in meinem Workshop „Gehen neu entdecken“. Dort nähern wir uns dem Thema mit ausgewählten Feldenkrais-Lektionen und erforschen das grundlegende Bewegungsmuster des Gehens. [https://cordoror.de/termine/gehen-neu-entdecken-2/#infos]

Variationen

„Wenn du etwas anderes als das Gewohnte erreichen möchtest, tue etwas Anderes! Wenn du immer die gleichen Übungen machst, die gleichen Bewegungen ausführst, das gleiche Glaubenssystem nutzt, die gleiche Art mit deinem Partner zu kommunizieren, wirst du immer die gleichen Ergebnisse erzielen!“ (Anat Baniel)

Feldenkrais Arbeitsprinzip: Variationen

Feldenkrais Arbeitsprinzip: Variationen

Dem führenden Bewegungswissenschaftler Nicolai A. Bernstein zufolge, ist motorische Geschicklichkeit keine ins Gehirn eingeschriebene Bewegungsformel, sondern die Fähigkeit, motorische Probleme zu lösen. Es ist die Fähigkeit, eine Lösung durch vielfältige Variationen zu finden. Variationen sind hier als Gegensatz zu stumpfer Repetition gemeint. Nicht die häufige Wiederholung der einen »richtigen« Handlung oder des »korrekten« Musters führt zum Erfolg, sondern viele verschiedene Abwandlungen davon. Variationen beliefern das Gehirn mit den frischen sensorischen Informationen, die es braucht um neue Verbindungen zu knüpfen. So entsteht ein breit abgestütztes neuronales Netzwerk, welches die Handlung, die Fertigkeit oder das Verhalten trägt und unterstützt. Auch für bereits erworbene Fähigkeiten benötigt das Gehirn immer wieder neue Variationen, um nicht in eine starre, unflexible Funktionsweise zu verfallen.

Meistens, wenn wir etwas lernen sollen, wird uns eine einzige Möglichkeit vorgelegt, die wir zu pauken haben. Es gibt Lehrer, die ihren Schülern ausschließlich die optimale Lösung beibringen wollen und ununterbrochen jede kleine Abweichung korrigieren. In den meisten Fällen führt dies jedoch zu Frustration und einer armseligen Ausführung der Aufgabe. Wir brauchen die Chance, alle Optionen auszuprobieren und Fehler zu machen, sonst lernen wir nichts! Verbesserungen entstehen durch Variationen! Das ist eines der Hauptprinzipien der Feldenkrais-Arbeit! Wenn zum Beispiel ein Kind Schwierigkeiten hat, zwischen A und O zu unterscheiden, dann bringt es wenig, immer nur auf genau diesen beiden Buchstaben herumzureiten. Man muss auch andere Buchstaben dazu geben, sie verdrehen und auf den Kopf stellen und vieles mehr. Entscheidend ist es, spielerisch das Interesse zu wecken und sich dem Ziel aus vielen verschiedenen Richtungen zu nähern. Irgendwann wird das Kind anfangen Buchstaben zu unterscheiden! – Aber in der Schule wird auch heute noch häufig bloß auf dem einen »richtigen« Lösungsweg beharrt.

Wenn wir also etwas an der Art und Weise unseres Handelns verändern, Schwierigkeiten überwinden oder etwas Neues lernen wollen, empfiehlt es sich, jene Strategie anzuwenden, die wir als Kind perfekt beherrschten: spielen! Zu spielen ist eine vergnügliche, leichte, angenehme Form des Experimentierens und Variierens, um das Gehirn anzuregen, neue Lösungen für möglicherweise Altbekanntes zu finden. Ein gesundes Kind generiert spontan seine eigenen Variationen! Aber wenn wir älter werden, hören wir auf Variationen zu suchen und geraten deshalb immer mehr in Schwierigkeiten! Das macht einen großen Teil des Alterungsprozesses aus! Abwechslung ist insofern nicht nur die Würze des Lebens, sondern auch die Quelle der Lebendigkeit.

Ich erinnere mich an eine Anekdote, die ein Trainer während meiner Feldenkrais-Ausbildung erzählte: Als Moshé Feldenkrais einmal gefragt wurde, was die richtige Art sei, Liebe zu machen, erklärte er: „Mach es einmal wie ein Stier, einmal wie eine Eidechse, einmal wie ein Panther, einmal wie ein Zebra… – er zählte etwa zwölf verschiedene Tiere auf – „ …und danach wirst du wissen, was die menschliche Art und Weise ist!

Michael Merzenich, Mitgründer von Posit Science und Pionier auf dem Gebiet der Gehirnplastizität über Hirnforschung, Lernen und die Feldenkrais-Methode

Der Neurowissenschaftler Dr. Michael Merzenich spricht darüber, dass er schon seit langem den Ansatz von Feldenkrais zu schätzen weiß und sich selbst bei der Arbeit mit Patienten, die sich von schweren Einschränkungen erholen, auf ähnlich Prinzipien stützt. Er betont die Wichtigkeit von Variationen: Das Gehirn kann nur lernen und gut funktionieren, wenn es durch eine Vielzahl von Herausforderungen, von Möglichkeiten, von Bewegungsvariationen stimuliert wird. Das Gehirn braucht bestimmte Bedingungen, die es ihm erlauben, die Aufgaben, die man ihm stellt, optimal zu lösen. Dazu gehört, dass das Gehirn am besten funktioniert, wenn ihm ein Problem immer wieder aus einer anderen Perspektive präsentiert wird, wenn folglich eine Aufgabe aus allen nur denkbaren Richtungen angegangen wird. Ebenfalls entscheidend für erfolgreiches Lernen ist die Tatsache, dass das Gehirn sich nur verändert, wenn ihm etwas wichtig erscheint. Das heißt, wir brauchen echte Motivation, bei dem, was wir tun und lernen wollen. Wir müssen uns engagieren und auf die Aufgabe einlassen, wir müssen unsere Aufmerksamkeit fokussieren und bewusst erleben, was mit uns geschieht. Das sei tatsächlich eine neurologische Angelegenheit, weil das Maß der Motivation darüber bestimmt, welche Neurotransmitter ausgeschüttet werden! Wir können uns über die Möglichkeit von Veränderung bewusst sein oder eben nicht. Und diese Bewusstheit macht einen Unterschied bezüglich dessen, was heraus kommt. In Feldenkrais-Stunden wird damit konkret gearbeitet. Zudem hebt er den spezifisch feldenkraisischen Ansatz hervor, alle vorgefundenen Einschränkungen und Schwierigkeiten zunächst einmal voll und ganz anzunehmen und als Basis zu nutzen, um Entwicklungs- und Verbesserungsmöglichkeiten zu entdecken, und sie dann im Einklang mit der ganzen Person zu fördern. Sein Fazit: „Es liegt viel Weisheit in der Entstehungsgeschichte dieser Methode“.

 

Acht Schlüssel-Prinzipien der Feldenkrais-Methode

Die Wirkungsweise der Feldenkrais-Methode beruht darauf, dass wir anhand von Bewegung mit dem Gehirn interagieren und es dazu anregen, neue Muster zu bilden. Wir nutzen in der Feldenkrais-Methode Bewegung, aber im Gegensatz zu vielen anderen Methoden, benutzen wir sie nicht mit der Absicht, Muskeln zu dehnen oder zu trainieren, sondern Veränderungen im Gehirn herbei zu führen. Es gibt einen natürlichen Drang des Gehirns sich zu entwickeln und immer präziser, wirksamer und angemessener mit der Umwelt zu interagieren. Dieser natürliche Prozess wird heute unter dem Begriff Neuroplastizität immer bekannter: Die Fähigkeit des Gehirns, jederzeit neue Verbindungen zu knüpfen – seine eigentliche Aufgabe ein Leben lang.

Acht-Arbeitsprinzipien für Bewusstheit durch Bewegung

Acht-Arbeitsprinzipien für Bewusstheit durch Bewegung

Damit das Gehirn seine Arbeit gut verrichten kann, müssen wir es mit den entsprechenden Informationen versorgen. Wenn wir die folgenden acht Schlüssel-Prinzipien in Verbindung mit Bewegung anwenden, beliefern wir es mit jenen sensorischen Informationen, die es benötigt, um aufzuwachen, zu wachsen und neue Bewegungs-, Gefühls-, Denkmuster zu bilden. Dadurch können wir allmählich gewohnheitsbedingte Einschränkungen und Schmerzen überwinden sowie das Spektrum der individuellen Handlungsfähigkeit erweitern und verfeinern. Darüber hinaus entwickeln wir die nötigen Mittel, um unsere natürliche Beweglichkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Moshé Feldenkrais nannte seine Gruppenarbeit »Bewusstheit durch Bewegung«. Bewusstheit ist unsere Fähigkeit, zu wissen, dass wir wissen, unsere Fähigkeit, uns selbst zu beobachten. Bewusstheit ist ein essentieller Grundbaustein für Selbsterkenntnis und unverzichtbar für wirkliches, tiefgreifendes Lernen. Wenn wir ohne Bewusstheit handeln, handeln wir automatisch und wissen manchmal nicht einmal, dass wir etwas tun. Aber,frei nach Moshé Feldenkrais: Nur wenn wir wissen, was wir tun, können wir tun, was wir wollen. Es ist wie eine Landkarte – unsere eigene innere Lebenslandkarte.

Wenn wir diese Arbeitsprinzipien auf unsere Bewegungen anwenden, erreichen wir genau dies: Bewusstheit durch Bewegung.

In den nächsten Monaten werde ich auf dieser Seite die einzelnen Prinzipien näher vorstellen. Klicke in der Kategorien-Wolke auf Arbeitsprinzipien, um weitere Artikel zu dem Thema zu finden.